Wales IX: gar kein Wales, sondern Oxford, Harwich und Dovercourt

Wir frühstücken in Ruhe, zahlen unsere Rechnung, packen unsere Sachen wieder ins Auto und machen uns auf den Weg Richtung Oxford, nicht ahnend was für eine Geduldsprobe uns dort erwartet.
Oxford liegt nur dreißig Kilometer entfernt und ist deshalb schnell erreicht. Wir finden dank Thias Erinnerungsvermögen und einer recht guten Beschilderung gut durch den dichten Verkehr bis in die Innenstadt. Dort soll sich die Touristeninformation befinden, in der wir uns nach einer Unterkunft erkundigen wollen. Doch zuvor gilt es einen Parkplatz zu finden.
Wir haben Glück, finden direkt auf dem Marktplatz einen freien Parkplatz und stehen dann staunend vor dem Parkautomaten. 2,50 £ für eine Stunde, das ist schon ganz üppig und gleichzeitig die Höchstparkdauer. Ein weiblicher Bobby oder wie immer hier die Politessen heißen mögen, umkreist schon dienstbeflissen die parkenden Fahrzeuge. Na gut, wir werden schon etwas anderes finden, wenn wir in der Touristeninfo waren. Vielleicht hätten uns die vielen Fahrräder stutzig machen sollen, aber wir denken uns nichts dabei.
Das Innere der Touristeninfo gleicht einem Bienenstock. Kein Rankommen an den Infotresen. Wir schaffen es trotzdem, erhalten ein Bed & Breakfast-Verzeichnis in die Hand gedrückt, einen Stadtplan und alles Gute für die Suche. Kaufen noch einen Stadtführer auf Deutsch und stehen dann schon wieder vor der Tür. Unsere Hoffnung, dass die Touristeninformation Kenntniss davon hat, welche Zimmer noch frei sind, hat sich grad verflüchtigt. Anrufen können sie auch nicht, dafür haben sie einfach keine Kapazitäten. Mhm, soweit, so schlecht. Von unserem Handy aus die Telefonate zu führen, würde unser Guthaben sprengen, anfahren wollen wir sie aber auch nicht alle. Was tun? Wir verschieben die Entscheidung auf später und machen uns auf die Suche nach einem anständigen, bezahlbaren Parkplatz. Auf unserem Stadtplan sind Langzeitparkplätze eingezeichnet, wir beauftragen die Dame im Navi mit der Wegfindung. Landen schließlich nach einer halben Stunde total entnervt vom Stadtverkehr, unklarer Streckenführung und Staus vor einem dieser Langzeitparkhäuser mit dem Charme der Siebziger Jahre. Leider nicht mit den Preisen aus dieser Zeit. Zähneknirschend finden wir uns damit ab, dass wir bei einem Aufenthalt von über 4 Stunden 11,50 £ für dieses entzückende Parkhaus zahlen müssen.


Nach einer Rundfahrt mit einem der hop on- hop off - Doppeldeckerbusse beschließen wir als erstes Christ Church zu besichtigen. Christ Church, angeblich das grandioseste aller Oxford-Colleges wurde bereits im frühen 16. Jahrhundert von Kardinal Wolsey gegründet.






Die zum großen Saal führende Treppe und die College Hall selber sind Vorbild für die Harry Potter Verfilmung gewesen. Dementsprechend voll ist es dort auch. Gelegentlich haben wir das Gefühl, wir sind allein unter Japanern.
Reise- gruppen über Reise- gruppen harren auf der Treppe aus, um sich dann in den Saal zu ergießen. Schon die Vorhalle ist wirklich beeindruckend, man wartet förmlich auf Hermine, die stürmisch die Treppe herunterläuft. Allerdings hätte sie wenig Platz dafür zwischen all den Touristen. Im Saal dann ein ähnliches Bild, Touristen umkreisen den mittleren Tisch, posieren in unterschiedlich vorteilshaften Posen für die Fotografierenden, während entnervt aussehende Angestellte versuchen die Herde voranzutreiben.
Die College Hall selber ist ein Traum. Leider kann man ihn nur nicht richtig genießen. Geschweige denn angemessene Bilder davon machen.
























Tasächlich kann man hier frühstücken, wenn man in einem der Zimmer der Colleges der  Universitäten von Oxford übernachtet. Das ist hauptsächlich in den Ferienzeiten möglich, wenn die Studenten ihre Zimmer räumen. Im Nachhinein würde ich das genauso machen, dort ein Zimmer vorausbuchen und das Frühstück in der College Hall gleich mit. Naja, hinterher weiß man es immer besser.
Wir werfen noch einen Blick in die zum College gehörende Kathedrale, mit deren Bau bereits 1170 begonnen wurde und die durchaus beeindruckend ist, schlendern erneut durch die
Kreuzgänge, atmen den betörenden Duft der Lavendelbeete ein, bevor wir Christ Church wieder verlassen.
Hier noch etwas für die Rubrik unnützes Wissen: Mit 13 Absolventen stellt Christ Church fast die Hälfte der britischen Premierminister, die in den Genuss eines Studiums in Oxford oder Cambridge gekommen sind. Nur falls es jemanden interessieren sollte.











Wir haben Hunger, finden einen Laden mit leckeren Sandwiches oder eher Baguettes, aber keine Bank oder andere Sitzmöglichkeit, um in Ruhe zu essen. Wir sind Bankmäßig in Wales echt verwöhnt worden. Nun allerdings sind wir in England und hier ist das mit dem Verwöhnen nicht vorgesehen.
Wahrscheinlich speist man hier eher stilecht im Restaurant oder gar nicht. Auf Nachfrage wird uns ein Park empfohlen, der aber leider nur eingezäunte Rasenflächen und keine Bänke hat.
Uns tun die Füße weh und so setzen wir uns trotz Verbots- schildes auf eine kleine Grasfläche neben eines der zahlreichen Collegegebäude. Achtunddreißig verschiedene Colleges soll es in Oxford geben.Wir haben Glück, niemand verscheucht uns,
allerdings guckt der eine oder andere recht sparsam.
Danach schlendern wir noch ein wenig durch die Stadt mit ihren wunderschönen Fassaden aus unterschiedlichsten Epochen. Werfen einen Blick auf die Uhr und stellen fest, wenn wir noch viel länger bleiben, haben wir das Parkhaus gekauft. Da wir keine Lust verspüren den Rest des Tages auf der Suche nach einem Bed & Breakfast zu verbringen und Oxford unsere inzwischen recht schmale Urlaubskasse ziemlich belastet, beschließen wir Richtung Nordseeküste zu fahren. Am Samstag fährt da unsere Fähre zurück, heute ist Mittwoch, also noch Zeit für zwei Tage Badeurlaub.
Wir schaffen es an London vorbei an die Küste bis zur Dämmerung. Obwohl wir alleine aus Oxford raus über eine Stunde brauchen. Es ist absolut schwül und unser Hotel hat leider keine Klimaanlage. Dafür kann man auch das Fenster nicht richtig öffnen, nur einen Spalt breit. Naja, zum Schlafen reichts und morgen suchen wir uns etwas an der Küste.
Nach einem interessanten Frühstück im Hafen von Harwich, wo alles gebraten aufs Brötchen kommt was man sich so wünscht, finden wir tatsächlich eine Bleibe im Cliff-Hotel
in Dovercourt. Von außen ein Bau aus viktorianischer
Zeit ist es von innen nicht etwas Retro-Siebziger-Jahre, sondern original. Vor allen Dingen aber ist es günstig und direkt am Strand. Der Hotelname ist allerdings irreführend, Klippen gibt es dort schon lange nicht mehr, alles ist ordentlich einbetoniert.
Hier genießen
wir an den nächsten zwei Tage die einfachen Strandfreuden. Es ist wunderbar warm, Ebbe und Flut kommen und gehen und wir brauchen den ganzen Tag nichts anders zu tun, als gelegentlich zur Abkühlung ins Wasser zu gehen. Auch mal ganz schön.
Abends kühlt es angenehm ab, man kann lange Spaziergänge machen und die etwas andere Strandkultur der Engländer betrachten.
Am Strand findet man in mehreren Reihen hinter-einander bunt gestrichene Holz- häuschen, sogenannte Beach Huts, die Schutz vor Sonne und Wind bieten sollen und im Land des dauerhaften Teekonsums natürlich in der Regel auch einen Wasserkocher beheimaten.
Wir finden einen supergünstigen Chinaman oder besser eine Chinafrau um die Ecke und schonen so unsere Urlaubskasse. Hier gibts auch endlich wieder Bänke, noch dazu mit Blick aufs Wasser und so sitzen wir wie die Clochards mit einer Flasche Wein dort, essen und genießen den Sonnenuntergang.
Unsere Rückfahrt verläuft dann denkbar unkompliziert. Unsere Fähre bringt uns zurück Richtung Hoek van Holland, wobei wir beobachten können, dass die Niederländer deutlich schneller und mit mehr System verladen, als das englische Personal.
Auf der Autobahn meldet sich dann noch einmal die Dame aus dem Navi, die uns nahelegen möchte, dass die Autobahn, auf der wir unterwegs sind, gar nicht existiert und wir auf jeden Fall umkehren müssen. Doch inzwischen kennen wir sie, die gute Frau und ignorieren sie einfach.




Kommentare:

  1. herrliche Architektur! sowas vermisst das Auge in den Globaleinheits-Stadtlandschaften.

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  2. Auf jeden Fall! Schon alleine das Spazieren durch solch alte Städte ist ein Erlebniss :)

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