Der erste Frost

Eine kurze Geschichte für alle, die den Winter in unseren nördlichen Gefilden verbringen müssen:

Früher Novembermorgen am östlichen Stadtrand Hamburgs. Es ist 6 Uhr 40, Zeit das Haus zu verlassen. Im Osten erhellt bereits der Hauch einer schwachen Ahnung des kommenden Tageslichtes den Horizont. Heute muss ich unseren Zweitwagen nehmen, das Wurstauto, der andere muss zur Reparatur.
Der Zweitwagen parkt nie unter dem Carport. Auch heute nicht. Er steht eingeklemmt am Rande des Grundstückes neben einer Steinmauer, die im Dunkeln kaum zu erkennen ist. So dass ich mit dem Fuß umknicke, noch bevor ich entdecke, dass es heute Nacht den ersten Frost gegeben hat. Das fängt ja gut an. Also Tasche ins Auto und Eiskratzer raus. Tatsächlich liegt er da, wo ich ihn vermute. Und taugt wenig, den hartnäckigen, pickeligen Frost von der Windschutzscheibe zu entfernen. Nach einigen zaghafen Versuchen meinerseits, erschwert durch den steinmauermäßigen, efeuüberwachsenen Untergrund, begebe ich mich auf die Suche nach dem Enteiserspray. Ja, ich weiß, es ist bestimmt nicht die umweltbewusste Herangehensweise, aber morgens um 6 Uhr 40 mit eisigen, klammen Fingern ist mir das egal. Ich sprühe also reichlich und tatsächlich rinnt das geschmolzene Eis daraufhin freundlich von der Windschutzscheibe hinunter. Super! Dann kanns jetzt ja losgehen. Denke ich. Aber Pustekuchen. Auch innen ist die Scheibe mit einer dünnen Eisschicht bedeckt.
Ich schalte Wagen und Lüftung an und erhalte augenblicklich mindestens Windstärke 12 von vorne. Eisig natürlich. Der Eiskratzer bewirkt auch hier nicht wirklich etwas und leichtsinnig und ungeduldig, wie ich manchmal bin, greife ich erneut das Enteiserspray, um die Frontscheibe auch von innen damit einzusprühen. Und, ja, ihr habt richtig geraten. Wegen des Lüftungssturmes erhalte ich einen wirklich erfrischenden Enteiserregen ins Gesicht. Super. Also erstmal Brille putzen. Und dann Scheibe putzen. Nachdem ich den Schmierfilm großflächig über die Frontscheibe verteilt und vergeblich nach einem trockenen Tuch gesucht habe, aber nur nasse Papierfetzen in der Seitenablage finde, beschließe ich loszufahren.
Hoch auf die Deichstraße, irgendwie schemenhaft ist der Weg durch das Geschmiere auf der Scheibe zu erkennen. Aus der Lüftung kommt immer noch Windstärke 12, meine Augen fangen an zu tränen, aber sonst bewirkt der Sturm wenig. Achja, Radio könnte man auch mal anschalten. Wenn man es denn könnte. Tausend blau beleuchtetet Knöpfe, doch welchen man auch drückt, kein Ton kommt raus. Ich erwische mich dabei, dass ich die Augen von der Straße abwende, die ich ja sowieso nicht richtig sehen kann, um hinter das Mysterium des nicht funktionierenden Radios zu kommen. Das geht natürlich gar nicht, also Blick zurück auf das nebulöse Geschehen hinter der Windschutzscheibe.
Gut an diesem Morgen ist, dass ich keinen Beifahrer habe, der sich mein Geschimpfe anhören muss, während der Himmel über der Elbe von einem rötlichen Schimmer überzogen wird. Und gut ist auch, dass der Zeitpunkt kommt, wo sich der eisige Wind in einen heißen Mistral wandelt und ich endlich etwas sehen kann. Gut ist vor allem, dass ich trotz schlechter Sicht gut ankomme. Und am besten ist, dass ich am Ende hinter mir sitze, mich von dort betrachte und über mein ungeduldiges Geschimpfe lächeln kann. Manchmal tut es gut die Perspektive zu wechseln.



Kommentare:

  1. Wurstauto, auch mal ein netter Ausdruck. Ach, diese doofen Kratzgeschichten kenne ich auch. Und im Gegensatz zu manch einem Kollegen wohne ich näher an der Arktis, denn ich muss eher kratzen als manch anderer, ich habe leider keine Garage. Das so ein blödes Auto dann auch noch von innen vereist, kenne ich auch.
    Vielen Dank für diese kleine Geschichte, ich habe sehr gelacht.

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  2. Danke, das freut mich. Tatsächlich finde ich es ganz wichtig all diese kleinen Scherereien nicht so wichtig zu nehmen. Wenn man hinterher drüber lachen kann, ist man auf dem richtigen Weg. Und ich bin jedes Jahr wieder froh, wenn diese Kratzgeschichtenzeit zu Ende ist :)

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  3. Ich finde immer nur so doof, dass ich im Winter immer mindestens 10 Minuten eher raus muss um das blöde Auto frei zu kratzen. Dabei bin ich ein Morgenmuffel. Freuen wir uns einfach zusammen, wenn die Kratzgeschichtenzeit wieder vorbei ist.

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