Mein Brief an Hamburg - Gedanken zum Gipfel

Liebes Hamburg,
du hast uns heute mal wieder gezeigt, wie wunderbar du dich in dezentes Grau zu kleiden verstehst und wie gut du auch mit mehr als den handelsüblichen Mengen an Regen umzugehen weißt. Eigentlich mag ich dich ja lieber sonnenbeschienen und strahlend, aber oft bist du halt hanseatisch zurückhaltend in gedeckte Farben gekleidet. Das ist auch in Ordnung, wir Norddeutsche mögen es nicht unbedingt, wenn man mit seinen Reizen protzt. Ein bißchen Understatement ist eher "comme il faut".
Was ich mich aber frage, nachdem ich diesen Tag durch deine nassen Straßen gelaufen bin, in deren Pfützen sich die dunklen Wolken spiegelten, verzerrt durch die Regentropfen, die in unterschiedlicher Intensität sowohl auf Straße, als auch auf meiner Brille landeten - was ich mich also frage ist, wie kommst du damit klar, dass du, die du doch ein Tor zur Welt sein willst, langsam in eine Festung umgebaut wirst? Macht ein Tor nicht nur Sinn, wenn es auch offen steht?
Auf deinen Straßen, vor allen wichtigen Gebäuden, an Bahnhöfen und entlang der Gleise finden sich Fahrzeuge der Bundespolizei. In manchen dieser Fahrzeuge sitzen Uniformierte, manche stehen dort leer wie Mahnmale. Scheinen uns daran zu erinnern, dass wir diejenigen sind, vor denen andere geschützt werden sollen. Seltsam. Habe ich nicht irgendwann in der Schule gelernt, dass es die Aufgabe der Exekutive sei den Bürger zu schützen? Wer wird hier jetzt vor wem geschützt? Auf deinen Bahnhöfen spähen Beamte der Bundespolizei in die Taschen deiner Bewohner, lassen sich Personalausweise oder andere Dokumente zur Feststellung der Identität vorlegen. Und das bereits eine Woche bevor sich die Vertreter der angeblich mächtigsten Industrienationen unseres blauen Planetens hier in dir treffen. Warum treffen die sich eigentlich? Und warum hier? Geht es ihnen wirklich darum, etwas für ihre Bürger zu tun? Oder geht es nicht eher um Profit? Um ihren Profit? Und was haben eigentlich wir davon? Hätten sie sich nicht auch auf irgendeiner Insel treffen können? Oder eine Videokonferenz veranstalten? Fragen über Fragen... Übrigens wird nicht jeder aufgefordert sich auszuweisen. Nur diejenigen, deren Äußeres... , ja, was eigentlich vermuten lässt?
Ich verlasse meine S-Bahn am Dammtorbahnhof, unweit der Bannmeile, die uns - deine Bürger - nur dann hineinlässt, wenn wir selber in diesem Gebiet auch wohnen. Liebes Hamburg, schließt du eigentlich die Augen, um nicht zu sehen, wie sich manche Kinder ängstlich an den Kontrollposten der Polizei vorbeidrücken?
Meine liebe Stadt, schmerzt es dich eigentlich ebenso wie mich, die von Stacheldraht eingefasste Bahntrasse entlangzugehen? Kilometerlang findet sich der zackengekrönte Draht wie schmückendes Beiwerk auf den Zäunen neben den Gleisen. Und in hanseatischer Korrektheit wird auf leuchtend gelben Schildern darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um eine Polizeiabsperrung handelt und Verletzungsgefahr besteht.
Auch deine stacheldrahtbewehrten Bahngleise werden heute schon von Polizisten geschützt. Vor wem? Das scheinen auch sie nicht zu wissen, während sie im Auto sitzen, ihre Augen auf Laptop und Handy gerichtet. Ist ja auch außer mir hier niemand unterwegs. Vielleicht bewachen sie den Stacheldraht? Schützen ihn vor unbedachten Bürgern? Wer weiß?
In den nächsten Tagen werden auf deinen Wegen, Straßen und Plätzen noch mehr Zäune errichtet werden, noch mehr Plätze können dann von deinen Bürgern nicht mehr betreten werden. Kontrollen auf Bahnhöfen, Sperrungen von Straßen und Parks, die eigentlich der Erholung deiner Bürger dienen sollen, werden dein Stadtbild prägen. Mein liebes Hamburg, das steht dir nicht zu Gesicht. Du bist eine offene Stadt, eine Stadt des Handels und der Kultur, ja, auch eine Stadt, in der die Welt sich trifft. Doch das kann nicht bedeuten, dass dadurch dein Bild, deine Tugenden, deine Offenheit verschwinden. Ich liebe dich, meine Heimatstadt, lass dich nicht missbrauchen.
Am Nachmittag bin ich wieder zurück in einem deiner provinziellen Außenbezirke. Auch auf dem Bergedorfer Bahnhof stehen Beamte der Bundespolizei. Ich hatte sie bereits am Morgen bemerkt, aber mir war nicht klar warum sie dort stehen. Oben an der Treppe. In einer seltsamen Anordnung, die irgendwie einstudiert wirkt. Mich ein wenig an die Aufstellung bei einem Gruppentanz erinnert. Und im Geiste sehe ich diese fünf jungen, bewaffneten Menschen sich an den Händen fassend einen fröhlichen Reigen beginnen. Während ich an ihnen vorbeigehe, lässt mich der Gedanke grinsen. Und einer von ihnen grinst genauso breit zurück.
Liebes Hamburg, ich hoffe diese Tage gehen friedlich an uns vorbei.


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