Südafrika - Emirates und der Tembe Elephant Park

Südafrika. Endlich. Warum wir immer wieder dahin fliegen? Das erkläre ich in einem anderen Beitrag. Das habe ich mich nämlich selber schon gefragt. Und ich verrate euch vorher: Es ist nicht nur wegen der Elefanten.
Apropos fliegen, diesmal fliegen wir mit Emirates. Mit der Vorstellung von Luxus pur im Kopf. Die gleich schon bei der Gepäckabgabe verscheucht wird, da die gute Dame dahinter die erste in unserer Reisegeschichte ist, die unser Handgepäck wiegt. Sieben Kilo darf das haben, da wir zumindest auf dem Hinflug irgendeine Billigvariante gebucht haben. Tja, dank des mitgenommenen Laptops und der Fotoausrüstung liegt einer unserer Rucksäcke mit neun Kilo doch reichlich darüber. Es folgt hektisches Umpacken unsererseits und irgendwann passt es dann. Mit leichten Schweißperlen auf der Stirn geht es durch die Kontrolle und wir starten pünktlich Richtung Dubai.
Wir werden ordentlich versorgt und haben reichlich Entertainment zur Auswahl. Das war es dann aber auch schon. Einen riesigen Unterschied bei Sitzabstand und Beinfreiheit kann ich nicht wirklich erkennen. Nach etwas über sechs Stunden Flug begrüßt uns Dubai Airport mitten in der Nacht mit nicht nur gefühlten, sondern tatsächlichen 38°. Also tagsüber möchte ich hier nicht sein.
Der Bustransfer zum Flughafengebäude braucht über 15 Minuten, glücklicherweise kühlt die Klimaanlage auf angemessene Temperatur runter. Nachdem unsere Pässe noch einmal kontrolliert werden, unser Handgepäck erneut durchleuchtet, versuchen wir uns zu orientieren. Leider zeigt die Anzeigetafel kein Gate für unseren Weiterflug nach Johannesburg, so dass wir lange Zeit orientierungslos und ziemlich müde zwischen Scheichs und tief verschleierten Frauen sitzen. Die man übrigens auf der Damentoilette ohne Verschleierung beim Auffrischen des Lippenstifts wiedertreffen kann. Hartnäckiges Nachfragen bringt dann irgendwann Klarheit, obwohl die Anzeigetafel das weiterhin konsequent verschweigt. Schlaftrunken wandern wir schließlich unserem Gate entgegen und stellen dabei fest, dass unsere Vorstellungen von diesem Flughafen so gar nicht der Wirklichkeit entsprechen. Keine Ahnung was wir uns genau vorgestellt haben, irgendwas Spektakuläres, entsprechend den Bildern der Hotels und Wolkenkratzer, aber eigentlich ist es nur ein ganz normaler Flughafen. Bißchen mehr Marmor, dafür aber viel weniger Sitzplätze als ein durchschnittlicher europäischer Flughafen.
Mitten in der Nacht heben wir erneut ab, es gibt noch einen Nachtsnack und wir fallen trotz der Enge schließlich in einen unruhigen Schlummer. Kurz nach zehn Uhr Ortszeit erreichen wir Johannesburg. Das entspricht der deutschen Uhrzeit, es gibt keine Zeitverschiebung. Ratzfatz sind wir durch die Passkontrolle, angeln unsere Koffer vom Gepäckband, tauschen Geld und holen unseren Mietwagen ab. Das geht so schnell, dass wir uns schon auf der Straße befinden bevor wir richtig begriffen haben, dass wir angekommen sind. Hurra, wir sind in Afrika!
Unser erstes Ziel ist ein Gästehaus in Piet Retief oder wie der Ort seit 2010 heißt: eMkhondo. Das bedeutet, wir haben noch 300 Kilometer Autofahrt vor uns. Und die können ganz schön lang werden, wenn man nicht so richtig ausgeschlafen ist, mir fallen mehrfach die Augen zu. Glücklicherweise bin ich nur Beifahrer. Unterwegs kaufen wir Biltong und Wasser, damit wir etwas zu kauen haben. Tatsächlich schaffen wir es heil anzukommen.

Das Gästehaus in Piet Retief ist nur ein Zwischenstop. Tatsächlich wollen wir den Tembe Elephant Park erreichen, das hätten wir aber in einer Tagestour so nicht geschafft. Also übernachten wir im Gästehaus (aloecountrylodge) einer Familie, die bereist vor fünf Generationen aus Deutschland ausgewandert ist. Erstaunlicherweise wird hier immer noch ein sehr gutes Deutsch gesprochen, so dass es sich angenehm plauschen lässt. Wir bekommen einen super Restauranttipp und schlagen uns so am Abend im Munch den Magen voll. Solltet ihr mal nach Piet Retief kommen, geht dort essen, das Filetsteak ist ein Traum! Dazu gibt es einen guten Rotwein und dank des Umrechnungskurses verlassen wir das Restaurant nur um wenig mehr als 20 Euro leichter. Hach, Südafrika, schön hier zu sein!
Es ist empfindlich kalt geworden, als wir wieder im Gästehaus ankommen. Ist ja Winter hier. Wobei der von den Temperaturen eher unserem Sommer entspricht. Heizung gibt es keine, also wickeln wir uns fest in unsere Bettdecken, nachdem wir den bereitgestellten Schnaps getrunken haben, der uns aufwärmen soll und sind kurze Zeit später eingeschlafen. Es ist übrigens noch keine 21 Uhr, aber was macht das schon? So finden wir perfekt wieder in unseren afrikanischen Rhythmus.
Am nächsten Tag gehts weiter Richtung Tembe Elephant Park. Unser Navi streikt, keines der eingegebenen Ziele ist ihm bekannt. Gut, das Maputaland an der Grenze zu Mozambique ist touristisch noch nicht so erschlossen, aber dass unser altes Tomtom sich hier gar nicht auskennt ist schon etwas seltsam. Egal, wir haben einen guten Reiseführer und fahren nach Karte. Außerdem waren wir bereits zweimal hier, das wird sich wiederfinden lassen.
Kurz vor Mkuze verlassen wir die N2 und biegen ab Richtung Jozini. In diesem quirligen Flecken tanken wir, beeindruckt vom Treiben ringsherum. Wir scheinen die einzigen mit weißer Hautfarbe in diesem Ort zu sein, für uns Europäer ein eher ungewöhnliches Gefühl. Frisöre bieten in fantasievoll gestalteten Blechhütten längs der Straße ihre Dienste an, zwischen parkenden Autos hüpfen etliche Ziegen auf der Suche nach Futter, ein buntes Durcheinander von Waren, Gemüse und Obst wird angeboten und unzählige Menschen sind auf den Straßen unterwegs, Mütter mit Kindern auf dem Rücken, die gleichzeitig ihre Waren oder Einkäufe auf den Köpfen balancieren, coole Typen mit verwegenen Sonnenbrillen, ich könnte stundenlang sitzen und gucken. Aber wir müssen weiter.
Die Straße entpuppt sich als deutlich besser, als bei unserem ersten Besuch, nur noch wenige Potholes, vor allen Dingen keine mehr in denen man den ganzen Wagen hätte versenken können, das macht das Fahren fast entspannt.
Wir erreichen den Park um kurz nach zwei, so dass wir es nach dem Einchecken  grad noch schaffen am Nachmittagsgamedrive teilzunehmen. Es hat sich einiges verändert in der Lodge seit unserem letzten Besuch 2012. Am Eingang gibt es inzwischen eine Rezeption, die Zahl der Zelte hat sich fast verdoppelt, das Restaurant ist überdacht. Die Gäste sitzen nicht mehr an einer langen Tafel, sondern an einzelnen Tischen. Das finde ich tatsächlich irgendwie schade, ist man doch sonst immer so schnell ins Gespräch gekommen. Doch wie immer begrüßt uns das Personal mit Gesang und Tom, der Manager, heißt uns willkommen mit den Worten: welcome back home. Und genau so ein Gefühl ist das auch.  
Der Tembe Elephant Park (Tembe Elephant Park) liegt im Maputaland an der Grenze zu Mozambique. In diesem Grenzgebiet gab es früher große Herden freilebender Elefanten, die besonders während des Bürgerkriegs in Mozambique stark gewildert wurden. 1983 wurde zu ihrem Schutz das heutige Reservat gegründet und erst 1992 für Besucher freigegeben. Das Land gehört den Tembe, einem Stamm des Tonga Volks, das hier seit Jahrhunderten lebt. Die freundlichen und  aufgeschlossenen Tembe verwalten den Park gemeinsam mit der staatlichen Naturschutzbehörde Ezemvelo KZN Wildlife. Und genau das ist das Besondere an diesem Park, nämlich dass der Park vom Tembe Volk selbst gemanagt wird, ein Großteil der Einnahmen der Lodge an die Dorfgemeinschaft zurückgeht, dadurch fortgehend Arbeitsplätze für die Menschen geschaffen werden und durch diese Zusammenarbeit der Artenschutz ebenfalls viel besser funktioniert. Ein wünschenswertes Modell für viele andere Teile der Welt. Tatsächlich ist Tom der einzige farbige Manager einer Lodge und eines Parks, den wir auf unseren Reisen kennengelernt haben. Darüber hinaus haben wir nirgendwo so freundliches und fröhliches Personal  erleben dürfen, und zwar vom Küchenpersonal bis zum Guide. Einfach immer wieder toll!
Unser Fahrer für diesen Aufenthalt ist Carlos. Es gibt hier - wie in den meisten Parks - morgens und abends einen Gamedrive. Tatsächlich ist es heute ziemlich heiß, über 30°, die Sonne strahlt und der mitgebrachte Fleecepullover für die evtl. kühlen Abendstunden ist erst einmal völlig überflüssig. Am Wasserloch stillen einige Nyalas und eine Herde Elefantenbullen gerade ihren Durst. Wenig Wasser scheint im Wasserloch zu sein, überhaupt ist es im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt ziemlich trocken. Auf der weiteren Fahrt erfahren wir von Carlos noch eine Menge über die uns umgebende Botanik, unter anderem zeigt er uns eine Frucht, mit deren Hilfe sich die Milch der gehüteten Ziegen innerhalb kürzester Zeit in Joghurt verwandeln lässt. Sehr praktisch!
Bis zum Sundowner stoßen wir noch auf einen weiteren Elefantenbullen im Busch. Der Sonnenuntergang ist für uns Nordeuropäer irgendwie hastig, aber wunderschön anzusehen. Die Temperatur wird angenehmer. Über Funk kommt plötzlich die Durchsage, dass in der Nähe Löwen sind. Hektisches Einpacken, eine kurze Fahrt und da liegen sie im hochstehenden, trockenen Gras im schwindenden Abendlicht. Vier Löwendamen. Leicht angenervt von der unerwünschten Aufmerksamkeit ziehen sie sich etwas später in den Bush zurück.
Wir kehren zurück ins Camp und genießen unser Dinner bei Kerzenschein, wie immer angekündigt von einer aufgeregten Mitarbeiterin der Küche, der man unschwer ansehen kann, wie froh sie ist, es endlich fehlerfrei auf Englisch hinter sich gebracht zu haben. Über uns funkeln die Sterne am nachtschwarzen südlichen Himmel, als wir durch die Dunkelheit zurück zum Zelt gehen. Was kann es uns gutgehen...
So vergehen die Tage in ihrem ganz eigenen afrikanischen Safarirhythmus. Aufstehen noch vor Sonnenaufgang, wenn leichter Nebel zwischen den Mopanebäumen steht und die Konturen verwischt. Einen kleinen Kaffee oder Tee, vielleicht ein paar Früchte, dann geht es meist in Decken gewickelt los. An manchen Morgenden scheint der Park geradezu mystisch.
Manchmal  finden sich kleine, manchmal große Tiere auf der ersten Pirschfahrt, manchmal scheint der Park auch wie leergefegt. Jede einzelne Fahrt hat ihren eigenen Zauber, jede Begegnung ist einzigartig und immer wieder überraschend. Bei der Rückkehr gibt es ein opulentes Frühstück, danach ein wenig Zeit für Muße. Nach dem Lunch geht es dann erneut in den Park, neue Erlebnisse, neue Begegnungen, Gerüche, Geräusche und Geschichten, die Carlos uns erzählt. Unser Sein reduziert sich auf  300 Quadratkilometer Park, es ist einfach so faszinierend. Nie weiß man zuvor was der Tag einem bescheren wird, manchmal benötigt man wirklich viel Geduld, da scheinbar alle Tiere beschlossen haben sich ins tiefste Dickicht zurückzuziehen. Wenn man die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben hat, sich bereits aufs Frühstück oder Dinner freut, dann beschließt vielleicht ein Elefantenbulle unser Safarifahrzeug zu inspizieren. Oder eine Löwenfamilie schaut um die Ecke. Wer weiß? Wir beschließen jeden Tag mit dem Dinner im Kerzenschein, sitzen vielleicht noch etwas am Feuer und sind früh im Bett. Ich möchte euch nicht langweilen, indem ich euch die Erlebnisse eines jeden Tages schildere, berichte euch deshalb nur über die Highlights.
Eines Morgens auf dem Rückweg zum Camp, kurz vor dem Frühstück, kreuzt eine Elefantenherde unseren Weg. Inklusive Babyelefant. Wir stehen sicherlich 15 Minuten, warten bis sie passiert sind. Freuen uns ihnen zuzusehen und bemerken dabei, wie wunderbar alle aufeinander Acht geben. Elefanten sind bekannt für ihr ausgeprägtes Sozialverhalten, Familienbande sind unheimlich wichtig, es wird auf verschiedenste Arten kommuniziert, sie scheinen Mitgefühl und Trauer zu empfinden und sind überhaupt einfach großartig. Ich liebe Elefanten!
Ein anderes Mal erblicken wir nach einer Kurve plötzlich fünf Giraffen, die uns erst vorsichtig beäugen, dann aber einfach ignorieren. Zwei von ihnen beginnen unvermittelt mit einer Art Tanz, graziös wenden sie ihre langen Hälse, als würden sie sich umschlingen wollen, richten sich wieder auf und beginnen aufs neue.
Elefanten treffen wir immer wieder, klar, ist ja auch ein Elephantpark. Ganz besonders aber ist die Begegnung mit diesem Bullen, der inmitten einer Herde Elefantenkühe samt Kälbern wandert und beschließt unser Fahrzeug mal genauer zu betrachten. Er kommt so dicht, dass wir ihn hätten berühren können und mit einem Gemisch aus Angst und Faszination den Atem anhalten. Unglaublich! Genauso wie die Löwendame, die plötzlich dort auftaucht, wo wir unseren Kaffee trinken. Glücklicherweise war ich noch nicht hinter dem Busch verschwunden. Carlos scheucht uns schnell wieder ins Fahrzeug und kurze Zeit später schreitet die Lady hoheitsvoll hinter unserem Auto vorbei...
Natürlich sehen wir auch jede Menge Vögel, Antilopen und andere kleine Tiere. Und sollten wir einmal längere Zeit nichts entdecken, hat Carlos immer eine spannende Geschichte für uns bereit. Wie die über den Honeyguide, einem Vogel, der es bemerkenswerter Weise versteht, Menschen zu wilden Bienenstöcken zu führen. Er lässt sich sogar mittels einer Flöte herbeirufen, die sich die Hütejungen aus der Frucht eines Strauches herstellen. Dann wartet er geduldig, bis der Bienenstock offen ist, der Honig entnommen und verputzt dann die verbleibenden Larven und das Wachs. Die Welt ist ein Wunder!
So vergehen unsere vier Tage wie im Flug. Manchmal können wir müßig vor dem Zelt sitzen und bekommen dabei auch noch Besuch von einem Nyalapärchen. 
Manchmal sind wir aber auch ziemlich froh über die mitgebrachten Fleecepullover, denn im Gegensatz zu unseren vorigen Besuchen ist es an einigen Tagen doch schon fast empfindlich kühl, sehr, sehr windig und tatsächlich können wir auch einen Regenschauer samt Gewitter erleben. Doch glücklicherweise erwartet uns am Abend immer eine eingeschaltete Heizdecke unter den Decken. In der morgendlichen Kühle - um 5.30 Uhr werden wir freundlich geweckt -  kostet es dann ein wenig Überwindung sich unter die Außendusche zu stellen. Obwohl das Wasser wirklich heiß ist. Am Vormittag des vierten Tages müssen wir Tembe wieder verlassen. Wie immer fällt es schwer. Aber wir kommen wieder, das ist auf jeden Fall klar. Nächstes Jahr im Oktober. Da ist es sicherlich wärmer. Wir freuen uns schon.




Drei Generationen in Stockholm oder wie geht eigentlich barrierefreies Reisen?

Wir hatten uns bereits irgendwann im Winter entschieden, dass es dieses Jahr nach Stockholm geht. Diesmal sind wir sogar zu fünft, meine Mutter, die Tochter, Schwägerin und Nichte. Flüge und Hotel gebucht und damit ist dann normalerweise ja alles klar. Tja, diesmal aber nicht. Denn Oma bricht sich kurz vor Weihnachten den Fuß und das ganze zieht sich hin. Richtig laufen ist auch im Sommer immer noch nicht möglich. Was also tun? Wir melden bei Eurowings einfach mal einen Rollstuhl an und testen wie barrierefreies Reisen geht. Schließlich hat Stockholm ja den Ruf ziemlich behindertenfreundlich aufgestellt zu sein.
Schon am Hamburger Flughafen ist alles anders. Erstmal war das online einchecken nicht möglich, wir müssen an den Schalter. Tatsächlich dürfen wir an der Schlange vorbei und werden am Priority-Schalter bedient und abgefertigt. Die nette Dame bestellt den Service vom Roten Kreuz zum Einstieg. Da unsere Maschine nicht an einem Arm anlegt, sondern auf dem Flugfeld steht, bekommen wir einen Extra-Transportservice. Zwei wirklich nette junge Männer nehmen Oma samt Rollstuhl in Empfang und schieben sie in eine Art Hubwagen. Wir dürfen alle mit. Ins Flugzeug gelangen wir dann über den Cateringeingang völlig treppenfrei. Alles klappt super und wir sitzen vor allen anderen im Flieger und haben darüber hinaus keine Probleme unser Handgepäck - was auch unser einziges Gepäck ist - zu verstauen. Super!
In Stockholm auf dem Flughafen wartet wiederum eine Dame auf uns, die Oma bis zum Gepäckband auf einem Flughafenrollstuhl schiebt. Unser Rollstuhl wartet dort bereits und es kann losgehen.
Der Flughafen Arlanda liegt ein gutes Stück nördlich außerhalb Stockholms, die schnellste Verbindung in die Stadt ist der Arlandaexpress. Wir versuchen uns am Ticketautomaten, erstehen dort fünf Einzelfahrkarten und wundern uns über den extrem hohen Preis von umgerechnet 140 Euro für uns alle. Puh, dass Schweden nicht unbedingt das günstigste Urlaubsland ist, das wussten wir schon, aber so teuer? Das kann ja heiter werden.
Tatsächlich sorgen wir mit unseren Tickets für allgemeine Heiterkeit, als der Schaffner sie kurze Zeit später kontrolliert, wir haben viel zu viel bezahlt. Der gute Mann verkauft uns eine deutlich billigere Variante und erklärt uns, wie wir die 140 Euro am Schalter in Stockholm zurück erhalten. Das klappt problemlos und nach Aussage des netten Herren, der alles zurückbucht, sind wir nicht die einzigen Touristen, die das falsch machen. Das beruhigt uns, sind wir also nicht völlig blöd... Also, wenn ihr euch Tickets holt, achtet auf Gruppenrabatte. Rollstuhlfahrer fahren übrigens unentgeltlich mit.
Auf dem T-Centralen, dem Herz der Stockholmer U-Bahnen angekommen sind wir erstmal mehr oder weniger orientierungslos, aber dank unserer Altersstruktur gibt es Mitglieder unserer Reisegruppe, die wunderbar mit neuester Technik klar kommen. Meine Nichte hat sich die App der Stockholmer Verkehrsbetriebe heruntergeladen und führt uns sicher Richtung Hotel. Mit dem Rollstuhl dauert alles ein wenig länger, da wir manchmal schon auf einen Fahrstuhl warten müssen, aber Stockholm ist da einfach großartig, kein Bahnhof ohne Fahrstuhl, die Busse absenkbar, es gibt immer Möglichkeiten einen Rollstuhl mitzunehmen, die Halteknöpfe sind für Rollstuhlfahrer wirklich gut zu erreichen, also, ein großes Lob an die Stockholmer Verkehrsbetriebe, da ist Hamburg noch Meilen von entfernt.
Wir kommen spät in unserem Hotel an, essen noch etwas nicht so leckeres in einem Schnellrestaurant in der Nähe und fallen schließlich müde in unsere Betten.
Der nächste Morgen beginnt mit einem großartigen Frühstück in unserem Hotel, dem Park inn by radisson hammarby sjöstad. Das liegt südlich der Innenstadt und gefällt uns wirklich gut. So gestärkt gehts los Richtung Altstadt, nachdem wir im Laden an der Haltestelle Fahrtickets für drei Tage gekauft haben. Das Programm für heute: Altstadt und Königlicher Palast mit Wachablösung, mal sehen was wir schaffen.
Wir verlassen die U-Bahn an der Station Gamla Stan, nehmen den Fahrstuhl und befinden uns in der Altstadt. Die kopfsteingepflasterten Straßen und kleinen Gassen sind mit dem Rollstuhl nicht völlig problemlos zu bewältigen, zumal sie auch die eine oder andere Steigung beinhalten, aber wir wechseln uns ab und ab und zu muss Oma auch ein kleines Stück laufen. Gamla Stan ist sozusagen das mittelaterliche Stockholm, früher gab es noch eine Stadtmauer rundherum und das wars dann, alles andere existierte noch nicht.
Wir schlendern eine Weile durch die Gassen, schauen in einige Läden und landen schließlich rechtzeitig eine halbe Stunde vor Wachablösung vor dem königlichen Schloss. Die rücksichtsvollen Schweden lassen uns mit dem Rollstuhl direkt vor die Absperrung fahren, so dass wir einen hervorragenden Blick auf alles haben. Inzwischen ist die Sonne herausgekommen und bescheint das Szenario, so dass die armen Damen und Herren in Uniform sicher ordentlich ins schwitzen kommen.
Mit viel Rumtata und Täterä marschieren die Uniformierten der Musikkapelle nach einer ausgeklügelten Choreographie hin und her, Soldaten schmeißen zackig die Beine hoch oder trippeln im Laufschritt von einer Stelle zur nächsten, es wird ein bißchen rumgeschrien und gegrüßt, bis schließlich die eine Gruppe die andere abgelöst hat. Ungewöhnlich ist nur, dass die Kapelle außer der typischen Marschmusik auch Abbas Mamamia im Programm hat, was vom Publikum mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wird. An Wochentagen findet die Wachablösung um 12.15 Uhr statt, an Sonn- und Feiertagen um 13.15 Uhr.
Wir erholen uns im Innenhof des Schlosses bei kalten Getränken, bevor wir uns an die Besichtigung desselben machen. Das königliche Schloss soll tatsächlich 605 Zimmer haben, eines mehr als der Buckingham Palace. Es ist also ziemlich groß, von außen nicht unbedingt schön, aber auf jeden Fall beeindruckend. Bevor wir die Tickets kaufen, erkundigen wir uns, ob es einen Fahrstuhl gibt und natürlich haben die Schweden auch daran gedacht. Über einen Extraeingang wird Oma in einen versteckten Lastenaufzug gebracht, so dass sie ganz normal an der Besichtigung der Räumlichkeiten, die über verschiedene Stockwerke verteilt sind, teilnehmen kann.
Das königliche Schloss ist auch heute noch offizielle Residenz der königlichen Familie und gelegentlich wegen Staatsbesuchen oder Feierlichkeiten nicht zugänglich für die Öffentlichkeit. Wir schieben eine ganze Weile durch die prunkvollen Säle und Räumlichkeiten, treffen kein Mitglied der königlichen Familie und sind am frühen Nachmittag wieder draußen im Sonnenschein.
Eine kurze Pause und etwas zu Essen am Wasser, dann bummeln wir noch einmal durch die Altstadt, verlieren uns in einzelnen Geschäften, treffen irgendwelche Mitglieder der Sturmtruppen aus Starwars und machen uns schließlich auf den Weg zurück zum Hotel. Finden einen ordentlichen Italiener in der Nähe, der gute Pizzen und Pasta zu angemessenen Preisen verkauft. Nur das Glas Rotwein dazu, das umgerechnet mit 8 Euro zu Buche schlägt, fällt ein wenig aus dem Rahmen. Aber was solls, das sind halt schwedische Preise. Wir beschließen den Tag albern auf der Dachterrasse unseres Hotels, die nicht nur einen hervorragenden Ausblick bietet, sondern darüber hinaus noch einen Fitnessbereich und eine Sauna im obersten Stockwerk hat. Toll!
Am nächsten Morgen machen wir uns nach dem Frühstück auf zur Insel  Djurgården. Das ehemalige königliche Jagdgebiet beherbergt heute zahlreiche Museen und Freizeitparks in grüner Umgebung. Als wir mit der Fähre von Slussen nach Skeppsholmen und Djurgården fahren, schiebt sich die Sonne durch die Wolken und scheint den Rest des Tages zuverlässig auf die Stockholmer Stadt. Danke dafür. Die Fähre ist übrigens Teil des öffentlichen Personennahverkehrs und kann mit einem gültigen SL-Ticket oder dem Stockholm-Pass kostenlos genutzt werden.
Auf Djurgården findet man nicht nur das Abba-Museum, das nordische Museum, das Vasamuseum und die Astrid-Lindgren-Welt Junibacken, den Freizeitpark Grönalund und das Freilichtmuseum Skansen. Sondern auch ganz viel Park und Kunst und Boote und Hafen und Restaurants und, und, und...
Wofür soll man sich da entscheiden? Wir beschließen uns aufzuteilen.  Ein Teil geht Abba besuchen und wir machen uns mit Oma und Rollstuhl auf den Weg ins Vasamuseum. Das hat übrigens rein gar nichts mit Knäckebrot zu tun, sondern mit einem alten Kriegsschiff, nämlich der Vasa. Die sank nämlich schon auf ihrer Jungfernfahrt im Jahr 1628 nach einem knappen Kilometer Fahrt unweit des heutigen Museums, lag dort ein paar Hundert Jahre still und einsam unter Wasser und wurde 300 Jahre später wieder geborgen.
Heute präsentiert sie sich in einem extra dafür konstruiertem Gebäude in ihrer ganzen Pracht bei schummriger Beleuchtung. Auf einer deutschen Führung - bei der sich die meisten deutschen Teilnehmer nicht einmal halb so behindertenfreundlich verhalten wie die Schweden - erfahren wir so allerhand Wissenswertes. Achtundsechzig Meter lang ist das Kriegsschiff und es besteht zu 98 % aus Originalteilen. Über tausend Eichen wurden für den Bau benötigt, die nicht etwa aus Schweden stammten, sondern aus dem Königreich Polen, mit denen man zwar damals in die  Auseinandersetzungen des dreißigjährigen Krieges verwickelt war, was aber wohl den wirtschaftlichen Beziehungen keinen Abbruch tat. Hach, die Welt hat sich seither kaum verändert...
Es sollte ein besonders schnelles starkes Kriegsschiff werden, deshalb wurde es so schmal konstruiert und mit reichlich Kanonen bestückt, jede fast anderthalb Tonnen schwer. Keine gute Kombination!
Als die schweren Kanonen zum Salut schossen, drang Wasser in die Luken und innerhalb kurzer Zeit befand sich die Vasa am Meeresboden. So schnell kann es gehen.
Insgesamt ein wirklich beeindruckendes Museum mit ganz viel Ausstellung rundherum für die uns tatsächlich die Zeit fehlt. Das liegt daran, dass der Fahrstuhl, den es hier natürlich gibt, auch gerne von Reisegruppen oder Einzelpersonen genutzt wird, die nicht in der Lage sind ein Stockwerk zu Fuß zu laufen und man deshalb relativ lange auf diesen warten muss. Ja, immer diese Fußkranken...
Unser Nachmittag gehört den Stockholmer Schären. Nur ein Bruchteil der 30.000 Stockholmer Inseln und Inselchen ist bewohnt, unzählige wunderschöne Flecken ragen hier aus dem blauen Wasser. Wir fahren mit der SS Stockholm, die auf uns ein wenig historisch wirkt und nur wenig behindertenfreundlich ist. Wir schaffen es trotzdem für uns und Oma Plätze auf dem knapp bemessenen Oberdeck im Freien zu ergattern und verteidigen diese auch die drei Stunden, die unsere Fahrt dauert.
Wunderbare Ausblicke, soweit das Auge reicht. Wer bisher keine Lust hatte ein wenig Zeit in einem der schwedenrot gestrichenen Ferienhäusern auf einer Schäreninsel zu verbringen, der bekommt sie mit Sicherheit auf dieser Fahrt.
Auf der Rückfahrt zum Hotel lernen wir das erste Mal die wundervollen Bahnhöfe der  U-Bahnlinien kennen. Die alleine sind ein Grund Stockholm erneut zu besuchen, denn wir haben viel zu wenig von denen gesehen.
Den Abend verbringen wir im Hotel, erst bei einem teuren Essen im Restaurant und danach in der Sauna und mit einem alkoholfreien Merlot im Fitnessbereich. Ich wusste bisher gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt. Aber glaubt mir, ein Traubensaft tut es dann auch...
Und schon ist unser letzter Tag in Stockholm angebrochen. Also verlassen wir nach dem Frühstück unser Hotel und verschließen unser Gepäck erst einmal in den Schließfächern des Stockholmer T-Centralen. Was machen wir nun mit dem letzten Tag in dieser Stadt?
Anschließend verschaffen wir uns einen nachträglichen Überblick über Schwedens Hauptstadt, indem wir eine Weile mit dem Hop on- Hop of-Bus fahren. Und wir besuchen die königlichen Ställe, die wohl so etwas wie ein kleiner Geheimtip sind, denn wir treffen nur wenige Leute dort. Dabei ist die Führung ausgesprochen spannend und informativ und in einem Englisch, das wirklich gut verständlich ist. Für Oma übersetzt Milena, so dass auch diese die Anekdoten verstehen kann.
Ja, und dann ist unsere kleine Reise auch schon zu Ende. Stockholm hat sich als ausgesprochen behindertenfreundlich präsentiert. Keine andere bisher von uns besuchte Großstadt kann da mithalten. Ich für meinen Teil werde sicher noch einmal wiederkommen, denn es gibt zu viele Dinge, die wir in der kurzen Zeit nicht sehen konnten.
Also: Auf Wiedersehen Stockholm 😄