Wales III: Tenby und Manorbier

Der nächste Morgen, das gleiche Ritual. Akrobatische Badbenutzung, danach Frühstück an der frischen Luft. Wir haben nur noch Reste und müssen am Abend irgendwas einkaufen.
Danach machen wir uns auf den Weg- mit ausgeschaltetem Navi- Richtung Tenby. Tatsächlich ist es so einfach, dass man sogar mit der ziemlich groben ADAC-Karte hinfindet.
Tenby wäre meine erste Wahl für eine Unterkunft gewesen. Leider habe ich aber nichts gefunden, was bezahlbar und angemessen gewesen wäre.  Was schade ist, wie wir im Laufe des Tages feststellen werden.
Wahrscheinlich errichteten die Wikinger bereits im frühen Mittelalter eine Siedlung bei Tenby. Die mittelalterlichen Stadtmauern sind heute noch zu sehen und wegen der relativ geschützten Lage blickt Tenby auf eine wechselhafte Geschichte zurück. Im viktorianischen Zeitalter entwickelte es sich dann zu einem Seebad für die wohlhabende Bevölkerung.
Der Ort verfügt über eine super Ausschilderung. Direkt an der Touristeninfo gibt es ein Langzeitparkhaus, das auch verhältnismäßig günstig ist.
Ich muss noch schnell eine kurze Anmerkung zur Toilettensituation in Wales loswerden. Ich habe selten so gut ausgeschilderte, saubere mit allem bestückte Toiletten gefunden wie hier. Darüber hinaus sind diese auch noch kostenlos. Für alle mit schwacher Blase ein absolutes Highlight. Auch an der Touristeninfo finden wir so ein öffentliches Klo, hurra!
Mit einem Stadtplan bewaffnet machen wir uns auf den Weg. In die Altstadt finden wir durch einen Einlass in der alten Stadtmauer.
Kaum durchschritten hat das Städtchen unser Herz schon erobert. Ein wirklich zauberhafter Ort. Wir stehen in mittelalterlichen Straßen und Gassen voller Pubs, Eisdielen und Souvenierläden. Wunderschöne Fassaden in kräftigen Farben, geschmückt mit Blumen. Blumen sind hier wirklich allgegenwärtig. Einfach schön!


Wir schlendern Richtung Wasser. Tenby hat das Glück gleich mehrere Strände zu haben, geteilt durch den Castle Hill gibt es einmal den North Beach mit dem kleinen Hafen, Castle Beach und South Beach. Alles wunderbare Sandstrände, pitoresk umrahmt von Felsen und pastellfarbenen Häusern.
Wir werfen einen Blick in die St. Marys Church aus dem 13. Jahrhundert mit faszinierenden verschnörkelten
Holzschnitzereien. Stille umfängt uns. Ein paar Gläubige entzünden gerade Kerzen und spontan steigt der Wunsch in mir auf es ihnen gleich zu tun.  Manchen Menschen, die ich kenne, würde ein wenig Fürbitte sicher nicht schaden.
Wir beschließen am Hafen einen Kaffee zu trinken, werfen auf dem Weg einen Blick in den chaotischsten, aber liebenswürdigsten Buchladen, den ich bisher gesehen habe.
Er liegt direkt neben dem Tudor Merchants House und ich frage mich, wie der reizende Besitzer hier den Überblick behält.
Jeder Zentimeter scheint von Bücherstapeln belegt, so dass kaum Platz bleibt sich hindurchzuschieben und man mit der Angst leben muss irgendwas zu Fall zu bringen.
Das  schräg daneben liegende Tudor Merchants House ist das Wohnhaus eines Händlers aus dem 15. Jahrhundert und an sich kann man es besichtigen. Nur heute nicht. Heute ist dort eine Schulveranstaltung. Schade!
Im Hafen trinken wir einen Kaffee, knabbern einen Bourbon-Cream-Cookie dazu, schauen den kreischenden Möwen nach, während wir auf einer der zahllosen Bänke sitzen und den Sonnenschein genießen. Perfekt!


Danach gehts hoch zum Castle Hill, auf dem noch die Ruinen der normannischen Burg stehen, ganz oben auf dem Hügel ein einsamer Turm, umgeben
von Bänken, die wiederrum zu einer Rast einladen. Bänke gibt es hier unendlich viele, häufig mit einer Gedenktafel versehen, die an einen Ver- storbenen erinnert. Eine schöne Sitte, die dafür sorgt, dass wir uns ständig irgendwo hinsetzen. Und die Aussicht genießen. Aber wir haben ja auch Urlaub.
Wir besuchen noch einige Geschäfte, kaufen für unser Mittagspicknick ein paar Cornish Pasties, wunderbar herzhaft gefüllte Teigtaschen unterschiedlich in Form und Geschmack, die wir wiederrum auf einer der vielen Banken sitzend, genüsslich verzehren.
Am frühen Nachmittag beschließen wir dann weiterzufahren. Eigentlich wollen wir nach Pembroke, um uns die dortige Burg anzusehen, aber wir entscheiden spontan anders und biegen Richtung Manorbier ab. Ein schöner Name übrigens, er wird tatsächlich Män-er-bier ausgesprochen, was bei mir erneut Kopfkino auslöst. Manorbier ist ein kleines Dorf mit einem schönen Sandstrand, an dem sich Manorbier-Castle schroff aus dem Grün erhebt.


Also Auto auf dem obligatorischen Parkplatz abstellen, Parkgebühr bezahlen und hoch zur Burg stiefeln. Eintritt   5 £, das ist in Ordnung. Die Burg, oder was davon übrig ist, gefällt uns ausgesprochen gut. Die Gebäude gruppieren sich um einen schönen Garten, es wirkt fast, als wäre das ganze in privater Hand.















Die Lage am Wasser macht es noch reizvoller, die vielen Lücken im Mauerwerk gewähren immer neue, interessante Ausblicke. Ein schöner, irgendwie verwunschen wirkender Ort. Übrigens im Jahr 1146 der Geburtsort einer der größten Gelehrten des Landes, eines gewissen Giraldus Cambrensis oder Gerald von Wales. Ich muss zugeben, ich habe noch nie von ihm gehört, aber er soll sich als Historiker, Schriftsteller und Dichter einen Namen gemacht haben. Er hat einen wirklich schönen Geburtsort, das muss man ihm lassen.

 
Danach laufen wir zum Sandstrand, den wir von den Türmen der Burg bereits gesehen haben. Das Wasser ist ziemlich weit weg, es ist Ebbe.
Wir machen eine lange Pause, schaffen es sogar ins kalte Wasser der irischen See, bevor wir irgendwann feststellen, dass nicht mehr viel Zeit ist, wenn wir noch etwas einkaufen wollen.
Zurück fahren wir über Pembroke, um kurz zu schauen, ob es sich lohnt dort morgen die Burg zu besichtigen. Sie ist absolut imposant, es wird sich lohnen. Dann werden wir leichtsinnig und schalten das Navi an. Tja, und befinden uns kurze Zeit später wieder auf einer dieser wunderbaren, heckengesäumten, kurvenreichen Single-Track-Roads in the middle of nowhere. Der Sparladen, in der Nähe unserer Ferienwohnung, schließt demnächst, uns sitzt ein wenig die Zeit im Nacken. Ich habe das dringende Bedürfnis die Dame in diesem Navi ordentlich zu würgen und das Gerät anschließend aus dem Fenster zu werfen. Sollen sich doch die Schafe damit vergnügen. Mäh!
Als wir dann gerade noch rechtzeitig dort ankommen, kaufen wir als erstes eine ordentliche Waleskarte. Damit das endlich ein Ende hat. Und natürlich alles, was wir fürs Abendessen brauchen. Zurück in der Ferienwohnung begrüßen uns die Mücken dann hocherfreut und während wir unser Abendbrot essen, tun sie sich an uns gütlich. Ein allgemeines Festmahl also! Aber im Grunde genommen ist es alles nicht so schlimm. Als die Sonne untergeht, sitzen wir mit einem Wein auf einer Bank mit Blick auf Moor, ignorieren die Mücken und lassen den Tag entspannt ausklingen.







Wales II: Pentre Ifan, Newport, Fishguard und St. David

Der zweite Tag in unserer komfortablen Ferienwohnung beginnt, wie fast überall auf der Welt auch, im Badezimmer. Hier noch einmal eine Information für alle, die daran zweifeln, dass ein komplettes Badezimmer auf zirka einem Quadratmeter unterzubringen ist. Es geht! Allerdings ist es dann nicht mehr
unbedingt zweckmäßig. Ein Blick in den Spiegel wird zum Beispiel nur möglich, indem man sich mit einem Knie auf dem Klodeckel abstützt, den Kopf  vor der Wand positioniert und nach rechts guckt. Oder ihn kurzerhand abnimmt. Den Spiegel natürlich, nicht den Kopf. Was meine Wahl ist. Ich lege den Spiegel dann auch gleich wieder weg, da mir das Gesicht mit dem vom Bremsenstich zugeschwollenen Auge irgendwie nicht zusagt. Auf der Toilette sitzend, kann man die Knie auf der erhöhten Duschwanne abstützen, allerdings muss man zuvor einen Platz für seine Füße gefunden haben. Dafür muss man sich beim Duschen mit Duschstange und Vorhang arrangieren und wenn man die Haare waschen möchte, ein wenig in die Knie gehen. Ein Traum! Wir nehmen es mit Humor und betrachten das ganze als Morgengymnastik.

Pentre Ifan
Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg, wiederrum geleitet von der samtweichen, aber bestimmten Stimme der Dame aus dem Navi. Unser erstes Ziel ist Pentre Ifan, eine 4500 Jahre alte jungsteinzeitliche Grabkammer und gleichzeitig der größte Dolmen Wales. Auch hier irritiert mich die Routenführung etwas. Eigentlich liegt diese Stätte etwas abseits der A 487, die wir auch gestern bereits gefahren waren. Diese kreuzen wir aber nur so drei- bis viermal und nutzen ansonsten interessante Singletrackroads, gesäumt von meterhohen Hecken, auf der jede Geschwindigkeit über 30 km/h selbstmörderisch wirkt. Man hat das Gefühl, man fährt dauerhaft durch einen Tunnel ohne Dach. Sehr besonders. Tatsächlich kommen wir auch auf diesem Weg an, allerdings dauert es ein wenig länger.
Von einem kleinen Parkplatz, auf dem nur noch ein weiterer Wagen steht, führt ein schmaler, durch ein Gatter gesicherter Pfad zu dieser Stätte bei den Preseli Hills.
Auf den umliegenden Grasflächen weiden die unvermeidlichen Schafe. Wir haben diesen Ort ganz für uns allein. Es ist kaum vorstellbar, wie Menschen vor 4500 Jahren diesen 5 Meter langen und 16 Tonnen schweren Deckstein so auf den spitz zulaufenden , aufrecht stehenden Steinen positionieren konnten, dass er auch heute noch hält. Die Steine stammen übrigens aus den umliegenden Preseli Hills, genauso wie die 31 Monolithe in Stonehenge, die damit über die unglaubliche Entfernung von 386 km transportiert werden mussten.
Newport Castle
Wir verlassen diesen magischen Ort nach einer ausgedehnten Pause. Wollen weiter über Newport und Fishguard in Richtung des etwas entfernt liegenden St. Davids. Nachdem die Dame im Nawi uns erneut auf die Tunnelstraßen leiten möchte, wird sie kurzerhand abgewürgt. Sie scheint eine Vorliebe dafür zu haben. Wir fahren nach Karte, machen einen kurzen Stop in dem pittoresken Städtchen Newport, das unterhalb einer kleinen normannischen Burg liegt und bummeln ein wenig durch die Straßen.Hier findet gerade ein Bauernmarkt statt und wir decken uns mit frisch gebackenem Brot, Ziegenkäse und Schinken für ein Picknick am Wasser ein.


Von Fishguard oder Abergwaun, wie es auf walisisch heißt, gehen die Fähren nach Irland. Außer dem modernen Fährhafen gibt es dort aber auch noch einen alten Fischereihafen in der lower Town. Hier wurden Szenen von "Moby Dick" und "unter dem Milchwald" gedreht und hier machen wir Picknick auf einer Bank und betrachten dabei die wechselnden Nebelszenarien über dem Wasser der irischen See. Es hat etwas mystisches wie Landstriche und Wasser abwechselnd auftauchen und wieder verschwinden. Wir beschließen unser Picknick mit einem leicht überteuerten Eis von dem auf dem Parkplatz bereitstehendem Eiswagen und fahren dann weiter Richtung St. Davids. Die Dame aus dem Navigationssystem hat vorläufig Redeverbot, wir fahren mit Karte.

Die Kathedrale von St. Davids
Finden auch damit hin, obwohl diese ADAC-Übersichtskarte auch nicht gerade der Hit ist. Unser Auto stellen wir auf dem Besucherparkplatz ab, die Parkgebühren, die uns übrigens den ganzen Urlaub begleiten werden, sind relativ moderat.
Die Kathedrale, die aus dem 12. Jahrhundert stammt, wirkt schon von weiten imposant und beeindruckend. Beim Näherkommen stellen wir fest, dass sie heute wegen einer Trauerfeier der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Das ist echt schade, denn das Innere soll noch beeindruckender sein. Wir sind ein wenig enttäuscht, aber es nützt ja nichts und so wenden wir uns den Ruinen des Bishops Palace zu.
Hier an diesem Ort gründete St. David ( walisisch Dewi Sant ) bereits im 6. Jahrhundert ein Kloster.  Der ehemalige Bischofssitz ist heute nur noch eine Ruine, doch man kann die frühere Pracht immer noch erahnen.

















Der Eintrittspreis ist mit 3,50 £ pro Person nicht zu teuer und die Anlage bietet interessante Durchblicke und Aussichten. Es gibt auf dem Gelände verteilt Informationstafeln auf englisch und walisisch, die sich nicht nur lesen lassen, sondern auf Knopfdruck den Text auch vorlesen. Unsere erste Begegnung mit der gesprochenen walisischen Sprache lässt uns staunend zurück. Eine ganz besondere Sprache, für deren Klang mir nichts wirklich vergleichbares einfällt.


Gebaut wurde dieser Palast für den Bischof Henry de Gower, der von 1327-1347 hier Bischof war und dessen Räumlichkeiten für das Mittelalter  erstaunliche Ausmaße hatten. Wir schlendern eine ganze Weile hindurch, machen gefühlte 500 Fotos und lassen das ganze auf uns wirken.
Danach stellt sich die Frage, Stadtbummel oder Strand? St. Davids ist ein wirklich hübscher, einladender Ort, wie wir beim Durchfahren gesehen haben. Wir entscheiden uns aber trotzdem für Strand, schließlich sind wir schon eine ganze Weile unterwegs und es ist ziemlich warm. Laut unserem Reiseführer findet sich in der Nähe die Whitesands Bay, dort wollen wir hin. Da unsere ADAC-Karte das nicht hergibt, hat die Dame im Nawi einen erneuten Einsatz und führt uns auch ordentlich dorthin.
Wir finden auf dem Parkplatz noch eine Lücke, dürfen auch gleich wieder 2 £ dafür bezahlen, und verbringen zwei gemächliche Stunden am Strand. Es herrscht gerade Ebbe, das Wasser ist ziemlich weit entfernt, der Strand nur mäßig bevölkert und von See her kommt ein leichter Wind. Mein Badeversuch scheitert am kalten Wasser, dabei bin ich da eigentlich nicht so empfindlich. Gemeinsam mit mir ist eine Jugendgruppe aus einer nahegelegenen Jugendherberge im Wasser, die sich laut quietschend gegenseitig mit dem kühlen Nass bespritzen. Ich verziehe mich wieder auf unsere Decke und beobachte die Wanderer, die den hier entlangführenden Pembrokeshire Coast Path, einem der spektakulärsten Fernwanderwege in Großbrittanien, entlang wandern. Er folgt der gesamten Küstenlinie und soll gigantische Ausblicke bieten. Wir treffen immer wieder auf Menschen mit Wanderschuhen, Stöcken und Rucksäcken, die Britten sind ein wanderfreudiges Volk.
Irgendwann brechen wir auf, um in unser kleines Cottage zurück zu fahren. Leider haben wir vergessen das Nawi mit unserer genauen Adresse zu füttern und können nur den Ort, Mynachlogddu, eingeben. Die Strecke, die wir dann fahren ist gar abenteuerlich, unendliche Tunnelstraßen, und ohne eine vernünftige Karte in keiner Weise nachzuvollziehen. Dann verkündet die Dame mit der samtweichen Stimme plötzlich: Sie haben ihr Ziel erreicht. Ach?! Tatsächlich? Irgendwie ist uns das hier nicht so wirklich bekannt. Der eine oder andere Hügel sieht ähnlich aus, Schafe gibt es hier auch, aber sonst...? Den Ort Glandy Cross, bei dem wir von der A 487 abgebogen sind und von wo wir den Weg wüssten, kennt die Dame leider auch nicht. Wir müssen improvisieren. Geben ein anderes Ziel ein, von wo aus Glandy Cross erreichbar ist, und finden auf Umwegen dann doch zurück.
Es ist spät, die Mücken begrüßen uns herzlich. Während wir das Essen zubereiten und versuchen zu lüften, ohne allzuviel Mücken Einlass zu gewähren, freuen sich die Insekten ebenfalls auf ihr Mahl. Wir essen schnell und räumen dann alles wieder ein. Ich vermute mal, die Mücken sind enttäuscht. Aus dem Fenster können wir beobachten, wie ein neuangekommenes Pärchen im Moor sitzend versucht, diese Blutsauger zu ignorieren. Es gelingt ihnen nicht wirklich und sie wirken aus der Ferne ein wenig unentspannt.
Nachdem wir eine Kerze unter dem Schälchen mit Citronelladuftöl entzündet haben, verziehen wir uns ins Bett, um noch ein bisschen zu lesen. Das Bett in der höhlenartigen Nische ist tatsächlich das einzige Highlight dieser Ferienwohnung, groß, bequem und irgendwie heimelich.
Morgen gehts nach Tenby. Das mit dem Essen hier müssen wir morgen irgendwie anders regeln.



Wales I: Hoek van Holland - Harwich - Mynachlogddu

Der Wagen ist gepackt, wir starten kurz vor neun Richtung Hoek van Holland. Dort geht erst
abends um 21.30 Uhr unsere Fähre nach Harwich. So haben wir entspannt viel Zeit und können reichlich Pausen einplanen. Die Autobahn ist nur mäßig voll und wir kommen gut voran.  Für die Pausen habe ich diesmal kulinarisch vorgesorgt. Schließlich sind wir irgendwie retro unterwegs. Will heißen mit dem Auto, wie früher,  und nicht mit dem Flieger. Dementsprechend gibt es für die Pausen Kartoffelsalat und Frikadellen. Auch wie früher. Und wie früher, musste ich die Frikadellen schon am gestrigen Tag gegen die Vielfraße in der Familie verteidigen. Was mir zumindest teilweise gelungen ist, es sind genug über als Reiseproviant.
Anders als früher geleitet uns heute die samtweiche Damenstimme eines Navigationssystems über die Autobahn zu unserem Ziel. Hier bin ich mir noch unsicher, ob Retro, will heißen gutes Kartenmaterial nicht besser wäre. Der Grund dafür liegt sicher tief in mir begraben. Mich auf Technik zu verlassen, fällt mir einfach schwer, ich neige dazu die Routen des Navis zu hinterfragen. Und die Stimme mit ihren Ermahnungen "bleiben sie links" geht mir zunehmend auf den Senkel.
stilecht warten an der Fähre
Es stellt sich aber heraus, sie hat uns richtig geleitet, wir sind bereits am frühen Nachmittag in Hoek van Holland und können noch ein paar Stunden am musikbeschallten Strand verbringen, wo gerade ein Beachvolleyballturnier ausgetragen wird. Umsonst und draußen-Entertainment. Sehr schön zum angucken.
Danach noch kurzes Warten an der Fähre mit Blick auf Rolls Royce und den darin sitzenden durchaus stilechten Fahrern, dann wird schnell und unkompliziert verladen.
Die Kabinennummer samt Code für die Tür bekommen wir gleich an der Passkontrolle ausgehändigt und so entfällt auch das von früher bekannte lästige Anstehen für die Kabinenvergabe. Perfekt! Die Kabinen sind vielleicht nicht unbedingt komfortabel zu nennen, enthalten aber alles was man braucht, zwei Betten, kleines Sofa, Fernseher, eigenes Bad, sogar mit Fön. Wir genießen den Sonnenuntergang an Deck, als die Fähre pünktlich ablegt und schlafen danach unserem Ziel, Harwich, entgegen.


Am nächsten Morgen sind wir schon vor dem angekündigten Weckruf wach, duschen und sind rechtzeitig zum Entladen unten am Auto. Rausfahren, Passkontrolle und dann auf der linken Seite der Straße erstmal Richtung London. Es liegen fast 600 km vor uns und dabei handelt es sich nicht nur um Autobahn, aber es ist noch früh, gerade erst 6 Uhr nach britischer Zeit. So legen wir irgendwo bei London eine ausgedehnte Pause bei einem kalorien- und cholesterinreichen Frühstücksmahl ein. Stellen wieder einmal fest, dass Essen an der Autobahn irgendwie nicht ganz billig ist. Aber was solll´s? Schließlich haben wir Urlaub.
Wir kommen gut voran, die Dame im Navigationsgerät hat eine klare Vorstellung davon, wie wir zu fahren haben. Lediglich zum Schluss müssen wir sie ausstellen, da unsere erste Ferienwohnung so versteckt in einem Moor liegt, dass die Dame überfordert ist und die Adresse nicht findet. Wir haben aber per Mail eine Wegbeschreibung erhalten, die ausgedruckt auf meinen Knien liegt. Old style ist  manchmal durchaus hilfreich.
Es ist absolut einsam hier. Am Stras sen- rand mitten im Gestrüpp steht eine englische Telefonzelle, daneben ist der zugewachsene Eingang zu einer Kapelle. Wir halten an. Im hohen Gras liegen umgekippte Grabsteine, überwuchert und mit Flechten bewachsen, Insekten summen, die warme Nachmittagssonne lässt alles ein wenig verschlafen erscheinen.
Die Tür zur Kapelle steht offen, tatsächlich scheinen hier auch noch Gottesdienste stattzufinden. Irgendwie ein verwunschener Ort. Schön!
Kurze Zeit später kommen wir dann bei unserem Cottage an. Gleich nach dem Aussteigen begrüßt mich einer meiner treuesten Fans, eine Bremse, mit einem zielsicheren Stich aufs Augenlid, hurra! Morgen werde ich von Quasimodo oder einer Pestbeulenkranken kaum zu unterscheiden sein. Ich freu mich schon.
Nach einer Weile gelingt es uns auch auf diesem verwinkelten, weitläufigen Grundstück unsere Vermieterin zu finden, die gerade nackt in der Sonne liegt. Sie begrüßt uns freundlich, während sie sich in ein gebatiktes Tuch einwickelt und in meinem Kopf entstehen Bilder davon, wie sie bei Vollmond nackt rückwärts um die Steinkreise tanzt. Manchmal ist so eine rege Phantasie irgendwie hinderlich.
Sie zeigt uns unser winziges Cottage, ein umgebauter Schweinstall, wie passend, und während wir noch überlegen, wo, um Gottes Willen, wir unsere Koffer unterbringen sollen, ohne unüberwindliche Barrieren zu kreieren, ist sie auch schon wieder verschwunden. Jaaaa, Steinkreise, Feen, wir sind in verwunschenen Mooren unterwegs...
Nachdem wir raumsparende, kreative Lösungen gefunden haben, schließlich sind wir viele Jahre Familiencamping erprobt, machen wir uns auf den Weg ins Moor, das direkt hinter unserem Cottage anfängt. So mit Schafen und Steinkreisen, verfallenen Farmhäusern und allem was dazu gehört..
Hier ein paar Impressionen:




Wirklich wunderschön. Absolute Stille, während wir hindurchwandern. Nur meine Freunde, die Bremsen begleiten uns durch die Einsamkeit. Lassen sich zufrieden auf meinen Waden nieder, um nochmal ordentlich zuzustechen. Vielleicht sind sie das Blut der Schafsherden hier irgendwie leid. Wir wollen ja auch nicht jeden Tag das gleiche essen.
Apropos essen. Dieses Cottage haben wir für vier Über- nacht- ungen gemietet mit dem Plan uns dort selbst zu versorgen. Auch hier ist erneut unsere Kreativität gefordert, da es weder einen Tisch gibt, an dem man essen könnte, noch Stühle oder Platz, um das Essen vorzubereiten.
Wir kriegen es trotzdem hin. Einen einsamen, herrenlosen Tisch finden wir an einer anderen Stelle des weitverzweigten Gartens und Stühle haben wir selber dabei, Campingstühle, eigentlich für den Strand gedacht, aber  glücklicherweise vielseitig verwendbar.
So schaffen wir uns unseren eigenen Essensplatz, vielleicht nicht unbedingt was für die Optik, aber zweckmäßig. Wir wissen nicht, dass das ein besonderer Abend ist, es ist nämlich der einzige mückenfreie Abend, den wir hier erleben werden. Also essen wir unsere Spaghetti Carbonara total entspannt, spülen sie mit dem Rotwein hinunter und genießen danach den Sonnenuntergang über dem Moor in absoluter Stille. Naja, fast absoluter Stille. Die umherstreifenden Schafe unterbrechen die Stille gelegentlich durch freundliches Blöken.
Mynachlogddu liegt in Südwales, allerdings dort dicht an der nördlichen Küste, und gehört zum Bezirk Pembrokeshire. Wir haben es als Standort gewählt, weil es in der Umgebung noch eine Vielfalt von keltischen und vorkeltischen Stätten gibt, darüber hinaus einige schöne Burgen und auch kleine sehenswerte Städtchen. Für morgen haben wir uns bereits eine Route überlegt, die uns an einigen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt, unter anderem wollen wir die Kathedrale St. Davids und den Bischop´s Palace besichtigen. Ansonsten werden wir einfach gucken, was so auf dem Weg liegt. Bestimmt findet sich was schönes.   



Postkarte aus Lllandudno - Wales

Normalerweise schreibe ich keine Posts während des Urlaubs. Doch diesmal mache ich eine Ausnahme. Ich muss kurz berichten, was so besonders an Wales und diesem Vereinigten Königreich ist.
Gestern, nach einem Tag voller Natur und natürlich auch einer Burgbesichtigung, kamen wir vom Essen im Kings Head zurück. Zwei Kilometer trennen das traditionelle Pub von unserem Guesthouse. Zwei Kilometer entlang der Strandpromenade, während die Sonne nach einem heißen Tag über dem Great Orm unterging. Irgendwie wehte der Wind uns Musik entgegen, bevor wir etwas sehen konnten. Etwas später sahen wir es dann: In einem Pavillon an der Strandpromenade spielte eine Blaskapelle. Auf den Bänken und auf extra aufgestellten rotweißgestreiften Liegestühlen rundherum saßen Menschen. Die meisten etwas älterem Semesters. Doch sie lauschten nicht nur der Musik, nein, sie hielten Textblätter in der Hand und sangen lauthals mit. Mit tragender Stimme oder auch ein wenig zittrig, aber irgendwie voller Inbrunst. Wir hielten an. Stellten uns dazu. Sahen uns um. Und waren irgendwie gerührt.
Die Veranstaltung war wohl schon recht fortgeschritten. Der Orchesterleiter kündigte zum Abschluss die walisische und die englische Nationalhymne an. Dann erhoben sich alle, also wirklich alle, von ihren Plätzen. Dazu müsst ihr wissen, dass viele der Anwesenden nicht nur ihren Gehstock, sondern durchaus auch ihren Rollator dabei hatten. Doch egal wie zittrig sie waren oder wie lange sie brauchten, sie standen auf. Wir waren froh, dass wir schon standen. Und sie sangen. Nicht nur mit der Stimme, nein, irgendwie auch mit dem Herzen. Es war berührend zu sehen wie jung und alt gemeinsam diese beiden Nationalhymnen in den Wind sangen.
Doch es wäre nicht das Vereinigte Königreich, wenn nicht noch Platz wäre für eine skurrile Note. Während um uns herum vielstimmig "God save the Queen" erklang, schritt ein Esel samt Begleitung gemessenen Schrittes durch die feierliche Darbietung, was weder den Esel noch die Musizierenden zu irritieren oder zu stören schien.
Als die letzten Töne verklungen waren und jemand vom Orchester bereits die Textblätter ordentlich wieder einsammelte, blickten wir zufällig hinüber zur Straße. Huch! Ein Wagen voller orthodoxer Juden, schwarz bekleidet, mit Hut und Schläfenlocken, war von der Darbietung wohl so fasziniert, dass sie rückwärts in Schlangenlinien mit irgendwie fassungslos wirkenden Gesichtern die Uferpromenade entlangfuhren.
Ich kann auch heute noch nicht einschätzen, ob meine Tränen in den Augen eher der Rührung entsprungen waren oder meinem Lachanfall.