Budapest

Was erwartet man von einem Budapestbesuch Ende Oktober? Also, wir dachten an strahlende Herbsttage, klare Luft und die in der Sonne funkelnde Donau. So ein Städteurlaub wie aus dem Katalog halt. Hat nicht ganz geklappt! Die ungarische Metropole hat sich wettermäßig an den allgemeinen mitteleuropäischen Trend des Jahres 2017 angepasst und sich die meisten Tage unseres Aufenthaltes in mittel- bis dunkelgrau gehüllt und mit Nässe nicht gegeizt. Doch Budapest kann gerne versuchen seine Reize zu verstecken, so ganz gelingt das auch in grau gehüllt nicht. Was wir besucht haben? Was wir empfehlen können? Das folgt nun...
Unsere Ferienwohnung liegt im Burgviertel und so können wir die Matthiaskirche zu Fuß erreichen, zehn Minuten, diverse Treppenstufen und wir sind da. Übrigens tatsächlich noch bei Sonnenschein an unserem Ankunftstag. Absolut sehenswert ragt der gotische Turm dieses Wahrzeichen 72 Meter in den noch blauen Himmel und die Mischung aus Früh-, Spät,- und Neogotik, gekrönt von einem bunten Ziegeldach ist nicht nur von außen imens beeindruckend.
Im 19. Jahrhundert versuchte man die mittelalterliche Wandbemalung im Inneren der Kirche zu rekonstruieren, ergänzt durch individuelle Muster und eigene Interpretation, ich persönlich finde das ganze wirklich gelungen. Allerdings kann ich keine Aussage darüber treffen, wie historisch stilecht das nun ist. Den Sissi-Fans unter euch sei gesagt, dass hier die offiziele Krönung von Kaiser Franz-Josef und seiner berühmten Angetrauten zum König und Königin von Ungarn stattfand.
Direkt neben der Matthiaskirche befindet sich die Fischerbastei.
Auch diese dürfen wir noch im Schein der abendlichen Budapester Sonne genießen, und zwar sogar ohne Jacke!
Aussehen tut die Fischerbastei wie eine mittelalterliche Festungsanlage, aber da täuscht sie den Betrachter. Gebaut wurde sie von 1899 bis 1902 und ist eigentlich mehr ein dekoratives Element in Verbindung mit der Matthiaskirche. Allerdings ein durchaus gelungenes, das einen grandiosen Ausblick auf die Donau und das gegenüberliegende Donauufer samt imposanten Parlamentsgebäude ermöglicht.
Das Parlamentsgebäude...
Zu diesem gigantischen Gebäude, das das ungarische Parlament beheimatet, haben wir während unseres Aufenthaltes eine ganz besondere Beziehung entwickelt. Und ich kann nicht wirklich behaupten, dass es eine gute Beziehung geworden ist. Das liegt nicht an dem, was das ungarische Parlament so verabschiedet - obwohl auch das meist nicht meine Zustimmung finden würde - sondern an den Hürden, die man bewältigen muss, wenn man dieses Parlament besichtigen will. Und das wollen wir. Dieses Gebäude soll 268 Meter lang, 123 Meter breit und 96 Meter hoch sein, 691 Räume, 27 Eingänge und 20 Kilometer Treppen beheimaten, ein Gebäude der Superlative also, natürlich wollen wir es besichtigen. Doch wir finden einfach nicht zueinander. Tickets gibt es nur über eine Internetseite, jegymester.hu, heißt sie und wir tun unser möglichstes, nur mit der Bezahlung klappt es trotz Kreditkarte einfach nicht. Macht ja nichts, denken wir, kaufen wir die Tickets halt vor Ort. Aber Pustekuchen, das ist stets nur für den aktuellen Tag möglich, wenn noch Tickets über sind. Und das Parlament grad nicht tagt. Trotz 5 Tagen Aufenthalt wird es einfach nichts mit uns und dem Parlament. So bleibt das Innere dieses Gebäudes für uns vorerst ein Mysterium. Vielleicht müssen wir noch einmal wiederkommen.
Doch es gibt ja noch jede Menge anderer Gebäude in Budapest. Die Große Markthalle zum Beispiel. Bei Regenwetter bietet die sich auf jeden Fall an. Aber natürlich nicht nur bei Regenwetter. Kulinarisch kann man sich hier auf jeden Fall komplett eindecken und bei dem Grau außerhalb der Halle erfreut sich das Auge an all den Farben, Düften und Geschmackskomponenten, die sich hier finden. Übrigens sind hier nicht nur Touristen unterwegs, sondern auch die Budapester kaufen hier ein.
Im oberen Teil der Halle findet sich ein ziemlich überfülltes Restaurant und die typischen ungarischen Souvenirs, die man nicht essen kann und die ich freundlich ausgedrückt nur als etwas aus der Zeit gefallen bezeichnen kann. Wer bitte kauft solche Spitzendeckchen oder Häkelblusen?
Bleiben wir bei den Gebäuden und begeben uns ins jüdische Viertel. In die große Synagoge. Es regnet wie aus Eimern, als wir dort ankommen, glücklicherweise haben wir in der U-Bahn von einem findigen Verkäufer noch einen Schirm erworben, sogar einen mit Durchblick.


Es dauert eine Weile, die mit bunten Regenschirmen dekorierte Schlange am Eingang ist lang. Aber unsere Geduld wird belohnt, denn das Innere der Synagoge ist nicht nur beeindruckend wie die gesamte Architektur des Gebäudes, sondern wir können auch noch an einer kostenlosen deutschen Führung teilnehmen. Wir erhalten eine Menge Informationen rund um den jüdischen Glauben und die Geschichte der Synagoge und des Stadtteils. Und über die Verfolgung und Vernichtung während der Nazizeit. Es befindet sich außerdem ein Friedhof für die jüdischen Märtyrer des Budapester Getthos im Garten der Synagoge, was, wenn ich es richtig verstanden habe, eigentlich nicht üblich oder erlaubt ist im jüdischen Glauben. Doch die vielen tausend Toten mussten irgendwo beigesetzt werden, so wurden hier damals zwei Massengräber geschaffen. Es ist für mich immer wieder schwer vorstellbar, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können.
Am meisten beeindruckt auf dem Gelände der Synagoge hat mich aber die weinende Trauerweide, ein Denkmal für die Opfer des ungarischen Holocaust. Die Blätter sind kleine Metalltäfelchen, auf denen die Namen jüdischer Opfer des Faschismus eingraviert sind. Jedes Blatt ein toter Mensch. Zahllose nicht gelebte Träume, begrabene Hoffnungen und Wünsche. Sachte bewegen sie sich im Wind, schlagen leise klingend aneinander, glitzernde Regentropfen bleiben an ihnen hängen, fallen schließlich zu Boden. Ein wirklich angemessenes Mahnmal.
Das jüdische Viertel in Budapest - eigentlich richtig Elisabethviertel - hat uns nicht nur überrascht, sondern auch wirklich gut gefallen. In den engen Straßen und Gassen existieren orthodoxe jüdische Synagogen direkt neben angesagten Bars und Cafés. Es gibt Restaurants mit leckerem Essen, koschere Lokalitäten liegen durchaus auch mal neben libanesischen Restaurants. Das ganze wirkt irgendwie richtig multikulti und es scheint, dass ein friedliches Miteinander der unterschiedlichsten Lebensstile möglich ist. Ein hoffnungsvoller Stadtteil!
Hier liegt auch das Szimpla, wo wir während unseres Aufenthaltes mehr als einmal eingekehrt sind. Das Szimpla ist die Mutter aller Abbruchklubs. Marode, teilweise halb verfallene Altbauten wurden vor ihrem Abriss zwischenvermietet an Gastronomen oder Künstler. Manche davon haben sich so etabliert, dass sie schon seit Jahren laufen. So wie das Szimpla.
Hier finden Märkte statt, es gibt Konzerte, Kinoabende, diverse Bars und alles was man sich von einer quirligen Begegnungsstätte wünscht. Wir haben uns hier sehr wohl gefühlt.
Genauso beeindruckend wie die weinende Trauerweide auf dem Gelände der großen Synagoge ist übrigens ein weiteres Mahnmal, das man am Donauufer unterhalb des Parlamentes findet: das Holocaust-Mahnmal. Es ist ganz schlicht, vielleicht grad deshalb aber auch so eindringlich, besteht nur aus wie zufällig platzierten Schuhen aus Gusseisen. Welche Bedeutung hinter diesem Mahnmal steckt?
Hier am Donauufer wurden zum Ende des 2. Weltkrieges viele Juden einfach hinterrücks erschossen, die Leichen fielen in den Fluss, das Wasser der Donau sollte sie hinfortspülen. Zuvor aber mussten sie noch ihre Schuhe ausziehen. So stehen hier nun sechzig Paar Schuhe einsam am Ufer und erinnern uns daran was Menschen anderen Menschen antun können. Regen zum Nachdenken an. Lassen uns sprachlos und traurig zurück.
Natürlich sind wir aber auch anderweitig nicht nur innerhalb von Gebäude unterwegs. Seltene Augenblicke bescherren uns sogar einzelne Sonnenstrahlen.
An einem leicht bewölkten Morgen haben wir uns deshalb zu Fuß aufgemacht ins Burgviertel zum königlichen Palast, müssen aber schon an der Matthiaskirche einen ordentlichen Regenschauer abwarten, bevor es weiter gehen kann.

Der Eingang zum königlichen Palast sieht aus wie ein Eingang zum königlichen Palast, sonst haben die Gebäude aber wohl schon bessere Zeiten gesehen. Im Inneren befinden sich das historische Museum Budapests, die  Nationalgalerie und die Nationalbibliothek, wovon man letztere nicht besichtigen kann. Die anderen sparen wir uns auch und genießen stattdessen lieber die schöne Aussicht, während wir durch die Gärten wieder zur Donau hinabschlendern. Man kann auch die Standseilbahn dafür nutzen, aber gegen die Kälte hilft dann doch eher Bewegung. Glücklicherweise regnet es nicht.
Auf unserem Weg hinab treffen wir dann auch noch auf die Kavalerie...
Und weil wir heute so gut im rauf und runterklettern sind, nehmen wir gleich den nächsten Hügel in Angriff, der uns hinauf auf den Gellertberg bringt. Hier oben gibt es eine Zitadelle, eine Freiheitsstatue, die nicht nur ein wenig an monumentale Figuren aus der Sowjetzeit erinnert, sondern genau so eine ist, und ganz viel Aussicht. Die wäre sicher mit Sonnenschein noch viel schöner, aber da haben wir leider keinen Einfluß drauf.
Apropos monumentale Figuren... Da gibt es in Budapest doch so einen Park, der genau diese ausstellt. Nämlich der Memento Park. Der liegt am Rande Budapests und wir brauchen mit dem Bus von der Haltestelle újbuda központ eine ganze Weile bis wir dort sind. Tatsächlich sieht es hier nicht mehr nach Stadt aus, hier ist außer dem Park so gar nichts.
Als wir ankommen begrüßt uns Lenin von seinem hohen Sockel und dunkle Wolken hängen drohend über dem Park. Doch wir lassen uns nicht beirren, zahlen an der Kasse - die uns zurückversetzt in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts -  unseren Eintritt und begeben uns mit Schirm bewaffnet auf das Gelände. Hier sind sie wieder alle. Die fast vergessenen Helden der Sowjetzeit. Hoch ragen sie in den dunklen Himmel, wahrscheinlich nicht ahnend, dass sie längst Geschichte sind.
Ein Besuch lohnt sich, obwohl weniger zu sehen ist als wir erwartet haben. Doch die Atmosphäre ist sehr speziell und hier wird in keiner Weise heroisiert, sondern mit Fingerspitzengespür präsentiert.
Natürlich haben wir noch jede Menge mehr besucht. Den Heldenplatz zum Beispiel.
Zwischen zwei Regenschauern auf dem Weg zur Burg Vajdahunyad, jenem seltsamen Bauensemble, das irgendwann Ende der Achtzehnhundertneunziger zu einer Landesausstellung entworfen, sämtliche in Ungarn auffindbaren Baustile vereinigt. Eine Art Disneylandburg, die dabei durchaus ihren Charme hat.
Wir waren oft und gerne mit der Budapester Metro unterwegs, die nicht nur häufig ziemlich tief und in kurzen Abständen fährt, sondern auch über Rolltreppen verfügt, die uns rasant in die Tiefe bringen und mir das Gefühl geben, unsere Hamburger Rolltreppen befinden sich mehr oder weniger im Zustand des Stillstands. Einige Bahnhöfe und Zugwagons vermitteln dabei den Eindruck vor mindestens hundert Jahren in der Zeit stehen geblieben zu sein.
Wir haben gerne oft und reichlich gegessen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir dabei einmal das Paprika in der Nähe des Heldenplatzes und die konyvbar im jüdischen Viertel.
Wir haben den Westbahnhof gesehen, der das vornehmste Mc Donalds Restaurant Europas beherbergt, waren im Opernhaus, sind ganz viel Straßenbahn gefahren und haben in den Metrostationen tatsächlich noch dem einen oder anderen übrig gebliebenen "Zigeunermusiker" lauschen dürfen. Ja, ich weiß, die Bezeichnung ist politisch sicher nicht korrekt, aber Romamusiker ist absolut nicht gängig. Davon scheint es übrigens nicht mehr viele zu geben in Budapest. Bei unserem ersten Besuch Anfang der Neunziger waren diese tatsächlich allgegenwärtig, überall hörte man die fast klagenden Klänge der Geigen. Scheinen verstummt zu sein, warum weiß ich nicht...
Vielleicht hat euch diese kleine Auswahl an Möglichkeiten Lust gemacht Budapest selber zu besuchen. Macht das! Ich wünsche euch ganz viel Spaß dabei.





Kapstadt mal regnerisch...

Das wird nun der letzte Bericht unserer Südafrikareise 2017. Letzte Station Kapstadt. Doch die Frage, die sich mir zuvor stellt: Braucht die Welt noch einen Reisebericht über Kapstadt?
Es gibt bereits so unendlich viele. Und wir haben sicher nichts anderes besucht, als tausende Urlauber vor uns. Und wohl auch nach uns. Muss ich da noch etwas schreiben? Wahrscheinlich eher nicht. Doch meine Berichte wären gefühlt unvollständig, würde ich es jetzt dabei belassen. Ich kann doch nicht eine der schönsten Städte der Welt einfach weglassen.
Doch ich versuche mich kurz zu fassen.
Wir erreichen Kapstadt im Regen. Die Straßen sind nass, in den Pfützen spiegeln sich die tiefhängenden Wolken, es ist tatsächlich unangenehm kühl. Doch der Regen wird gebraucht, denn in Kapstadt und Umgebung herrscht jetzt im September die höchste Warnstufe wegen Wassermangels. Das Bewässern von Gärten, das Autowaschen, das Befüllen der Poolanlagen ist verboten, auch die Toilette soll möglichst nicht jedesmal gespült werden, das Duschwasser aufgefangen und wiederbenutzt werden. Regenwasser wird also sehnlichst erwartet und zumindest während unseres Aufenthalts versucht der Himmel diesen Mangel zu beheben. Gut für Kapstadt. Für Urlauber nicht so, aber da gelten einfach mal andere Prioritäten. Außerdem sind wir solches Wetter aus Hamburg gewohnt und ja nicht aus Zucker. Und wir haben Regenjacken, damit sind wir deutlich besser gestellt, als viele andere hier.
Unser Gästehaus liegt im Stadtteil Oranjezicht am Fuß des Tafelbergs und, hurra, wir haben sogar eine elektrische Heizung in unserem Zimmer. Wer jetzt aber glaubt, damit wäre für eine wohlig warme Raumtemperatur gesorgt, ist leider völlig schief gewickelt, denn die klägliche Wärme dieser unterdimensionierten Heizung wird von den nicht richtig abschließenden Fenstern und Türen mehr als ausgeglichen. Doch außer Regenjacken haben wir auch Fleecepullover dabei, so dass wir nicht völlig unterkühlen werden.
Als wir Abends an der Alfred- und Victoriawaterfront etwas essen gehen, reißt der Himmel auf, die Wolken verziehen sich und die schwindende Sonne taucht alles in ihr goldenes Licht. Geht doch!
Freundlicherweise haben sich die Wolken auch am nächsten Morgen noch nicht wieder versammelt, so dass wir uns spontan entschließen einen Teil dieses Tages für den Tafelberg zu reservieren. Die Idee hatten wir leider nicht allein, deshalb stehen wir eine Weile in der Schlange ohne vorgebuchte Karten für die Table Mountain Cableway, bis wir endlich hinaufschweben dürfen. Übrigens ist mein subjektiver Eindruck, dass man auch mit vorgebuchten Karten nicht viel schneller ist.
Gemeinsam mit uns erreichen übrigens auch die ersten Wolken den eisigen Gipfel des Tafelbergs und machen wegen ihrer Schnelligkeit Fotos mit Aussicht ungleich schwieriger. Aber nicht unmöglich, man muss nur zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein. Apropos richtige Stelle. Wo sich die befindet - nämlich nicht hinter der Absperrung - scheint hier oben nicht jedem so wirklich klar zu sein. Wir beobachten irritiert wie eine junge Asiatin mitsamt ihrer Kameraausrüstung über den Zaun steigt, die Kamera auf ihrem Stativ in Position bringt, dann noch ein wenig näher an den Abgrund klettert und sich dort in unterschiedlichste Posen wirft. Doch irgendwie spielen die Wolken nicht mit und vermiesen ihr jedes Foto, so dass sie irgendwann entnervt die Sachen wieder einsammelt  und zurückklettert. Leute gibts...
Das gute Wetter hat sich unten in Kapstadt noch gehalten, also fahren wir ins Bo-Kaap-Viertel, einem Garanten für großartige Fotomotive. Die bunten Häuser, die engen, steilen Straßen versprühen noch den Charme längst vergangener Zeiten, als sich im 17. und 18. Jahrhundert freigelassene Sklaven hier am Fuß des Signal Hills niederließen. Ihre Vorfahren stammten aus Indonesien, Sri Lanka, Indien oder Malaysia und so findet sich in diesem Stadtteil auch heute noch ein Hauch von Orient.
Darüber hinaus finden sich dort auch reichlich Oldtimer, die wie eine zusätzliche Zierde vor den bunten Häusern stehen. Wie bereits gesagt, Fotomotive ohne Ende.
So, das war es jetzt dann aber auch mit Sonne und Farbe, ab jetzt gibt es mehr grau und es wird nass. Der nächste Morgen begrüßt uns mit freundlichem Nieselregen, der sich im Laufe des Tages steigern wird. Was also tun? Wir beschließen, dass Optimismus das Gebot der Stunde ist, machen uns auf den Weg Richtung Kap-Halbinsel und ignorieren die vom Himmel kommende Feuchtigkeit einfach. Was diese nicht davon abhält sich zu einem ausgewachsenem Monsunregen zu steigern, dem allerdings leider die Wärme fehlt. Wir stehen an einer Ampel, während der Himmel über uns seine Schleusen öffnet und beobachten verwundert einen jungen Farbigen, der im strömenden Regen laut singend und mit einem Lächeln im Gesicht blaue Plastiksäcke als Regenkleidung zum Verkauf anbietet. Auch er selbst ist in schönstes Plastikblau gekleidet und hat sicher trotzdem keinen trockenen Faden mehr am Leib. Doch das scheint ihn nicht zu stören, er grinst weiter fröhlich vor sich hin und schmettert seinen Song dem Regen entgegen. Das sind die afrikanischen Momente, die ich liebe. Scheinbar unbeeindruckt das Beste aus den Widrigkeiten zu machen, so etwas ist in Europa eher selten zu erleben.
Die Pinguine am Boulders Beach scheint das Wetter auch eher nicht zu stören, einige rücken zwar etwas zusammen, doch die meisten scheinen das kalte Nass eher zu genießen. Was ich von uns nicht sagen kann, nach einem kurzen Besuch sind wir mit einem bedauerndem Blick für all die Souvenirhändler, die heute sicher nicht das Geschäft ihres Leben machen werden, wieder im Auto. Zumindest kurzfristig im Trockenen, aber nur bis wir am Kap der guten Hoffnung ankommen, wo wir das obligatorische Foto mit dem Schild im Hintergrund aufnehmen wollen. Das hatten wir bei unserem letzten Besuch im Jahr 2011 - übrigens zur gleichen Jahreszeit bei strahlendem Sonnenschein und 22 ° C - vergessen.
Erstaunlicherweise lässt der Regen etwas nach, was der stürmische Wind aber wiederum ausgleicht, so dass wir nicht wirklich wissen, ob die Feuchtigkeit in der Luft nun noch Regen ist oder die Gischt der aufgepeitschten See im Hintergrund. Ist eigentlich auch egal, nass wird man so oder so. Wir bleiben eine Weile im sicheren Fahrzeug sitzen, in der Hoffnung, dass sich das Wetter beruhigt und keine andere Fahrzeugtür die Bekanntschaft mit unserem Fiesta sucht. Der Wind ist echt heftig, die Reisegruppen um uns herum aber vorsichtig beim Öffnen der Fahrzeugtüren. Nur das Wetter hat kein Einsehen...
Also fahren wir noch ein wenig im Regen durch den Nationalpark, bevor wir uns auf den Weg zurück Richtung Kapstadt machen. Übrigens nicht wie geplant über den Chapmans Peak Drive - denn der ist geschlossen. Hätte man bei diesem Wetter wahrscheinlich eh nichts sehen können.
Wir beschließen diesen veregneten Tag in einem portugiesischen Restaurant in der Kloofstreet -   Toni´s on Kloof - vorm Kaminfeuer bei leckeren Espetadas, einer genialen Peri-Peri Sauce und einem guten Rotwein. Da kann einem das Wetter wirklich völlig egal sein.
Auch der nächste Tag - unser letzter vor der Abreise - bescherrt uns kein besseres Wetter, ist aber dadurch ideal zum bummeln und um die kleinen Mitbringsel zu besorgen. Wir verbringen viel Zeit in dem Foodmarket on the wharf an der Waterfront, probieren uns durch die Leckereien, kaufen Biltong für die Daheim gebliebenen und werfen nicht nur einen kurzen Blick in die Miniläden an der Longstreet.
Am Nachmittag dann verziehen sich die Wolken und die Sonne stattet Kapstadt einen freundlichen Besuch ab. Wie nett!
Wir versuchen mal den Tableview vom Bloubergstrand, nur der Tafelberg ziert sich und präsentiert sich wie eine spröde Schönheit verhüllt, gönnt uns keinen Blick. Doch die auf den Dünen wachsenden Blumen machen das auf jeden Fall wieder wett.
Auch der Strand in Camps Bay zeigt uns für einen Moment seine sonnige Seite, bevor die Sonne kurze Zeit später erneut hinter Nebelschwaden verschwindet.
Erst an unserem Abreisetag erleben wir Kapstadt von seiner schönsten Seite. Der Himmel ist strahlend blau, der Tafelberg fast wolkenlos, die Sonne scheint über der wohl schönsten Stadt der Welt. Schade, dass wir sie heute verlassen müssen. Aber wir kommen ja wieder. Nächstes Jahr. Bis dahin: Tschüss Capetown.




Route 62, Hermanus und Stellenbosch - oder auch ein Sexshop, fehlende Wale, Laufenten und Weingenuss

Zeit Oudtshoorn ( Oudtshoorn - wo man auf Höhlen, Erdmännchen und Union Berlin trifft ) zu verlassen. Tasächlich ist nicht mehr so viel Strecke nach, wir haben noch je einen Stop in Hermanus und Stellenbosch vor uns, bevor wir unser letztes Ziel Kapstadt erreichen.
Der Morgen ist kalt, aber klar. Wir sind als erstes im Frühstücksraum des de Zeekoe, die sind noch gar nicht vorbereitet. Dann geht es aber ganz schnell und so schaffen wir es tatsächlich schon früh auf der Straße zu sein.
Wir fahren die Route 62, die kleine Schwester der Gardenroute, eine einsame Strecke, die durch verschlafene Dörfer und eine grandiose Landschaft führt. Verlassen diese dann kurz hinter Barrydale, um wieder an die Küste zu kommen. Allerdings nicht ohne vorher Ronnies Sex Shop einen Besuch abzustatten.
Ronnies Sex Shop? Man könnte auf seltsame Gedanken kommen. Tatsächlich aber ist es ganz harmlos. Hier - in the middle of nowhere - hat Ronnie vor etlichen Jahren einen Coffeeshop eröffnet und beklagte sich darüber, dass kaum ein Tourist den Weg zu ihm fand. Freunde ergänzten dann das Wort Sex in einer Nacht- und Nebelaktion an seinem Shop und damit war das Problem behoben. Inzwischen ist das ganze eine Institution an der Route 62, kaum ein Reisender, der hier nicht für eine Pause hält, auch Prominente wie z. Bsp. Götz George haben sich bereits hierher verirrt. Was lernen wir dadurch? Sex sells...
Da wir bereits am frühen Vormittag die Stufen zur Veranda hinaufsteigen, ist es hier noch ziemlich leer. Ronnie sitzt mit Kaffeebecher an einem der Tische, ansonsten ist niemand zu sehen. Wir kriegen eine Cola und ein wenig smalltalk, bewundern die über der Bar hängenden BH´s, lesen uns durch die vielfältigen Aufkleber und Papierhinterlassenschaften, die hier Wände, Türen, Glasflächen und einfach alles zieren und freuen uns über die Vereinigung von Eisern Union und St. Pauli auf einer winzigen Glasscheibe. Was es nicht alles gibt!
Als sich die leeren Stühle auf der Veranda langsam füllen, machen wir uns wieder auf den Weg. Dieser Platz bietet die Möglichkeit einer ziemlich kurzweiligen Pause, ich kann nur jedem raten hier einzukehren.
Wir nähern uns wieder der Küste und links und rechts der Straße tauchen unvermittelt blühende Rapsfelder auf. Ich fühle mich ein wenig, als wäre ich in Schleswig-Hostein unterwegs, auch die Windstärke stimmt, es pustet ordentlich. Allerdings ragen die Hügel in der Ferne zuweit hinein in den blauen Himmel, das ist nicht so wirklich norddeutsch.
Hermanus haben wir mit in die Reiseroute aufgenommen in der Hoffnung dort noch einmal Wale sehen zu können. Bei unserem letzten Besuch hatten wir dazu nicht so wirklich Zeit, da uns deren Anblick so ablenkte, dass wir beim Einparken nur Augen für diese großartigen Geschöpfe hatten und das entgegenkommende Fahrzeug einfach übersahen. Statt Wale hatten wir dann einige Stunden auf einer südafrikanischen Polizeistation, was durchaus auch interessant war, aber wenig vergleichbar.
Diesmal haben wir Glück, insofern, als dass kein Wal zu sehen ist. Keine Möglichkeit für Unfälle also, wobei wir nun auch nur zu Fuß unterwegs sind. Auf dem Cliffpath, der idyllisch über die Klippen am Ufer entlangführt. Wir starren gebannt auf die schäumende Gischt der Brandung, aber es hilft nichts, die Wale glänzen heute durch Abwesenheit. Auch der Whale Crier, der hier jeden gesichteten Wal sozusagen mit seinem Horn markiert, ist nirgendwo zu sehen. Schade eigentlich! Gut, dass wir die Wale bereits in St. Lucia gesichtet haben...St. Lucia - Wale und Wunder
Dafür laufen uns jede Menge der possierlichen Klippschiefer über den Weg, die zwar größenmäßig nicht mit den Walen mithalten können, aber durchaus auch eine Augenweide sind.
Spaziergänge machen ja bekanntlich hungrig und wir sind froh, als wir sozusagen fast über ein beschauliches Restaurant direkt am Wasser stolpern. Bientangs Cave ist vielleicht nicht wirklich eine Höhle, eher ein Felsüberhang, aber das Essen und der Wein sind gut und das Panorama unbezahlbar.
Nach einer ruhigen Nacht im Guesthouse geht es am nächsten Tag weiter Richtung Stellenbosch. Im Weingebiet waren wir bei unserem letzten Besuch nur für eine kurze Stunde auf dem Weingut Groot Constantia, ich erinnere mich an die wunderschönen Gebäude, eine Atmosphäre von Gediegenheit und mein Unverständniss, dass dieser Reichtum an die ausufernde Armut der Townships grenzen kann ohne dass sich alle gegenseitig umbringen.
Diesmal liegt ein anderes Weingut auf unserem Weg, das wir uns ansehen wollen. Vergenoegd Wine Estate heißt es und wenn ich ehrlich bin, kommen wir weniger des Weines wegen, sondern eigentlich wegen der Laufenten. Laufenten? Ja, die werden hier eingesetzt zur Schädlingsbekämpfung und sind dabei irgendwie zur Touristenattraktion mutiert. Wir hatten selber einmal Laufenten für unseren Garten - drei Stück an der Zahl - die sich in einer Art selbstmörderischem Drang aber nach und nach dezimierten, bis wir die letzte Überlebende an eine Freundin mit Bauernhof übergaben, die sich rührend um all ihr Getier kümmert. Hier auf dem Weingut haben sie über siebenhundert dieser lustigen Geschöpfe und dreimal täglich paradieren sie quakend um das Haupthaus.
Als wir ankommen ist allerdings kein Federvieh in Sicht. Die morgendliche Parade ist bereits Geschichte und bis zum Mittag noch reichlich Zeit. Was also liegt näher, als sich mit den Köstlichkeiten dieses Weingutes unter einem Sonnenschirm niederzulassen und es sich dabei richtig gutgehen zu lassen? Wir verbringen eine angenehme Stunde bei Rotwein, Käse, Schinken, Nüssen und selbstgebackenem Brot. Beäugt von einer etwas aufgringlichen Gans, die gerne an unserem Mahl teilhaben möchte.
Und dann kommen sie schließlich, laut quakend und eiligen Schrittes mit ihren langen Hälsen umrunden sie hektisch das Haupthaus. Wahrscheinlich überlegen sie jedes Mal aufs neue was das denn soll. Keine Schnecken auf dem Weg, einfach nur laufen, welchen Sinn soll das haben? Doch die Touristen packen zufrieden ihre Kameras weg, trinken noch ein Weinchen, kaufen ein paar Souvenirs und machen sich dann auf den Weg. Wir auch. Richtung Stellenbosch.
Stellenbosch ist die zweitälteste Stadt Südafrikas und außerdem Universitätsstadt. Weinherstellung ist hier natürlich ein Studienfach, Önologie heißt es, ein Wort, dass ich vorher noch nie gehört habe. Besonders symphatisch an dieser Stadt finde ich, dass der gute Professor Abraham Isak Perold hier die Pinotage Rebe gezüchtet hat. Damit ist er der Schöpfer meiner absoluten Lieblingsrebe, die übrigens auch nur hier in Südafrika wächst.
Unser Gästehaus ist alt und sehr viktorianisch, mit Himmelbett, knarrenden Dielen und Ahnengalerien an der Wand. Es gibt auch ein Pool, das hier im Winter wohl noch niemand benutzt hat, denn als wir uns zu Wasser lassen bekommen wir Applaus von einem Gentleman, der bis dahin hinter seiner Zeitung versteckt war. Es ist aber auch ziemlich kalt, das Wasser!
Ansonsten eignet sich Stellenbosch hervorragend zum Bummeln, bietet reichlich Auswahl an Geschäften, Restaurants und alter Bausubstanz und in den warmen Monaten beschatten uralte Eichen die Gehwege und man kann im botanischen Garten der Universität vor der Hitze Zuflucht suchen.
Morgen geht es weiter in die Stadt der Städte - nach Kapstadt - wir lesen uns....











Hoffnung


Heute morgen in der Schule saß ein junges Mädchen auf ein Fensterbrett gekauert, Beine angezogen, Kopf auf den Knien und weinte laut und herzzereißend. Ihr Schmerz schien absolut, mit nichts vergleichbar und durch nichts zu lindern. Ihr zur Seite standen zwei Jungen, ein wenig hilflos wirkend, stumm, aber standhaft und rührten sich trotz Ermahnung eines Lehrers nicht von der Stelle. Ich ging vorbei, wohl wissend, dass ich nichts dazu tun könne, ihr zu helfen. Noch oben im Flur hörte ich ihre lauten Schluchzer.
Manche Tage beginnen elendig und behalten diesen Makel. Heute morgen im Auto begrüßte mich Bob Marley mit seinem Redemption song. Ein Lied, das ich mag. Doch heute treibt es mir die Tränen in die Augen. Erinnert mich an all die Ungerechtigkeit, all das Elend auf dieser Welt.  An Kinder, die keine Freiheit, ja nicht mal Frieden kennen. Die aufwachsen in einer Welt, die ihnen nichts gibt außer Hunger und Elend, die nichts anderes für sie sein kann als bedrohlich. Redemption Song. Bleibt mir im Ohr, den ganzen Tag.
Als ich später die Treppe in der Schule wieder herunterkomme sitzt das Mädchen immer noch auf der Fensterbank, allerdings der Welt wieder zugewandt, einer der Jungen auf der rechten Seite, einer auf der linken Seite. Redet. Glücklicherweise wohl doch Probleme, die sich lösen lassen. Wäre doch alles so einfach zu lösen...
Auf dem Rückweg dann noch einmal der Redemption song. Doch diesmal verbreitet er Hoffnung. Und das soll er auch. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt.