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Die beleuchtete Matthiaskirche |
Budapest bei Nacht
Surreal
Vor einigen Jahren. Alles läuft normal. Erkennbar daran, dass
sich meine Kilos wieder festsetzen. Heute ist Silvester. Die geplante Location
war ausgebucht. Wir feiern woanders. Gemeinsam mit Freunden. Stiefeln
frühzeitig durch den schmutzigen, aufgetürmten Schneematsch. Um noch einen
guten Tisch zu kriegen. Tischreservierungen waren nicht möglich. Angeblich.
Wir haben Glück. Ein Tisch für sechs Personen. In einer
Ecke. Leider nicht am Fenster. Die sind reserviert. Komisch. Ach so, es gibt
einen Rollstuhlfahrer. Niedrige Decken. Geschmückt mit Flitter und Papier. Man
läuft dagegen. Wenn man durch die Räume geht. Papierfäden streifen über
die Gesichter. Musik ist noch leise. Um uns herum füllen sich die Tische. Eine
Gruppe älterer Damen direkt neben uns. Keine Pappnasen. Aber auch keine
Verkleidungen?
Getränke holen. Whiskey. Cola. Wasser. Caipirinha.
Verteilt auf dem Tisch. Auf eine schöne Feier. Prost. Blick aus den
Augenwinkeln. Auch die Plätze an den reservierten Tischen füllen sich. Eine
gemischte Gruppe. Sie fotografieren. Mist. Wir haben den Fotoapparat
vergessen.
Es wird voller. Enger. Lauter. Lustiger. Die Musik wird
aufgedreht. Leider ist die Box hinter unserem Tisch kaputt. Knarrt und verliert
den Anschluss. Um dann wieder laut einzusetzen. Gespräche werden schwieriger.
Mein Blick schweift durch den Raum. Beobachtet. Betrachtet. Die gemischte
Gruppe gegenüber passt irgendwie nicht zusammen. Oder doch? Ansonsten ist unser
Alter gut vertreten. Auch Ältere. Wenige junge. Tanzen?...Tanzen!
Der DJ ist am anderen Ende des Raumes. Davor eine freie
Fläche als Tanzfläche. Nicht voll, aber gut belegt. Die Beleuchtung schummerig.
Lichtreflexe aus verschiedenen Ecken. Blenden kurz. Wandern über die Menge.
Beleuchten und tauchen erneut ins Halbdunkel. Zaubern Farbe auf Gesichter.
Lächeln. Sich dem Rhythmus hingeben. Gedanken ausschalten. Tanzen.
Mein Nacken prickelt. Etwas ist seltsam. Blicke mich um.
Mein Blick bleibt hängen. Eine Frau. Neben mir. Irgendwie altmodisch gestylt.
Helles Top, vielleicht hellblau? Darüber eine gerade fallende Bluse, dunkel.
Eine Hose oder einen Rock? Ich erinnere mich nicht. Haare leicht lockig,
brünett im Zwielicht. Gestuft bis zum Ansatz der Schultern. Mit Perlenkette.
Und Perlenohringen? Ein Bild steigt in mir hoch. Ich kann es nicht
fokussieren. Weckt eine Erinnerung. Die Frau ist groß. Größer als ich. Was
nicht häufig vorkommt. Für eine Frau sind die Schultern breit...Naja, meine
Schultern sind auch breit.
Ich drehe ihr den Rücken zu. Versuche den Gedanken zu
verscheuchen. Er setzt sich fest. Kann man ihn wegtanzen? Um mich herum
Menschen. Tanzend. Mal blau, mal rot, mal gelb beleuchtet. Es ist warm. Mir ist
heiß. Das Ganze ist irgendwie surreal. Das kann nicht sein...
Drehe mich erneut um. Da ist sie noch. Mustere sie
verstohlen. Und tanze dabei weiter. Automatisch. Die Musik nicht wirklich hörend.
Ihr Gesicht. Schon irgendwie weiblich. Mund und Nase, ja. Brille, o.k.
Augenfarbe? Sieht irgendwie falsch aus. Augenbrauen? Anders, aber möglich. Das
Gesicht ist schmaler. Haare? Nach Perücke sieht es nicht aus. Beiße mir auf die
Lippe. Hallo? Was denke ich da? Das kann nicht sein. Ich werde
schwachsinnig.
Sie tanzt weiter. Verhalten. Nicht mit vollem
Körpereinsatz. Glaube ich. Blickt in eine andere Richtung. Meine Augen wandern
in ihren Ausschnitt. Wenig Busen. Bedeckt. Kein Ansatz zu sehen. Könnte man so
herrichten. Ich schließe die Augen. Das Bild steigt wieder auf. Im Internet.
Ein Foto. Er. Mit Handtasche. Perücke. Und Perlenkette. Ich hatte einen Scherz
vermutet. Kann es sein?
Verdränge das ganze. Es ist Silvester. Ich will mich
nicht verrennen. Bin schließlich nicht allein hier. Wir wollen gemeinsam
feiern. Die Musik wird schlechter. Rückkehr an den Tisch. Trinken. Lachen.
Irgendwie ist das alles nicht real. Ich bin da, aber auch nicht da. Es ist
heiß. Fächel mir Luft zu. Mit der Getränkekarte. Die Gespräche erreichen mich
nicht wirklich. Während mein Blick über die Menge wandert. Ist sie irgendwo?
Ist er irgendwo? Was??
Musik wandert in mein Ohr. Das ist gut. Das ist tanzbar.
Lenkt vom Denken ab. Arbeiten uns durch die Papierschlangen bis zur Tanzfläche.
Schlängeln uns an im Weg stehenden Körpern vorbei. Da ist sie wieder. Tanzt.
Sieht mich an, als ich vorbeigehe. Erwartungsvoll? Nein, bestimmt nicht! Ich
glaube es nicht. Will es nicht glauben. Zweifel. Glaube es irgendwie doch.
Passen würde es. Zu allen Informationen. Die ich zusammengestalkt habe. Warum
hier? Warum jetzt? Meine Haare sind zu kurz. Zu viele Kilos. Die alle mal weg
waren. Da habe ich ihn nicht getroffen. Es ist immer noch wichtig. Ihn zu
beeindrucken. Schau, was aus mir geworden ist...
Er ist es nicht. Er ist es bestimmt nicht. Ich treffe ihn
als Frau. Auf einer Silvesterparty. So ein Schwachsinn. Meine Phantasie geht
mit mir durch. Hallo, kann mir jemand sagen, wo ich die Realität finde? Schweiß
läuft mir in den Nacken. Hitze. Viele Menschen in niedrigen Räumen. Die kleinen
Fenster sind beschlagen. Man kann nicht mehr hinaussehen. Wasser rinnt an ihnen
herab. Lichter streifen mich. Entlassen mich wieder ins Dunkle. Ich muss etwas
trinken. Zurück an den Tisch.
Da ist sie wieder. Da ist er wieder? Lächelt mich an.
Lächelt mich an? So ein Unsinn. Lächle ich zurück? Ich weiß es nicht. Fülle den
Caipirinha mit Wasser auf. Trinke. Als würde ich verdursten. Das ist alles
nicht richtig hier. Mein Blick bleibt hängen. Am Nachbartisch. Da sitzt sie.
Direkt gegenüber. In der gemischten Gruppe. Im Gespräch. Mit einer anderen
Frau. Streicht sich mit der Hand die Haare aus dem Gesicht. Eine typisch
weibliche Geste. Es erinnert mich an... An was? Das letzte Kaffeetrinken.
Er fragt, ob er rauchen könne. Zündet sich die Zigarette an. Hält sie.
Irgendwie weiblich. Es war befremdlich. Damals.
Unsinn. Das ist eine Frau. Da passen typisch weibliche
Gesten. Versuche mich auf unseren Tisch zu konzentrieren. Lache. Spreche. Und
trinke dabei. Rotwein. Vielleicht finde ich die Wahrheit darin. Mein Blick
bleibt aber immer am Nachbartisch hängen. Was ist das für eine Gruppe? Keine
Pärchen. Jedenfalls nicht offensichtlich. Die Männer auf der einen, die Frauen
auf der anderen Tischseite. Zufall? Das Alter schwer zu schätzen. Lauter
Schwule? Mit unterschiedlichen Neigungen? Die sich auch gerne mal als Frau
verkleiden? Oder eine sein wollen? Alles Männer? Nein, das kann nicht sein.
Einer dreht sich um. Blickt mich an. Direkt. Irgendwie
böse. Hat er meine Gedanken gespürt? Oder hat ihm jemand etwas erzählt? Über
mich? Das ganze wird seltsam.
Mitternacht. Der Discjockey hat vergessen die Zeit
vorzugeben. Egal. Wir zählen eigenmächtig. Prost Neujahr. Wieder ein neues
Jahr. Umarmungen. Küsse. Gute Wünsche. Alles strömt nach draußen. Es stockt vor
der Tür. Ich bleibe im Eingang stehen. Alleine. Draußen ist es zu laut. Zu
kalt. Zu eng. Die Nacht wird surreal. Zieht an mir vorbei. Kann nicht wirklich
sein. Gehe zurück an unseren Tisch. Versuche die Kinder zu erreichen. Besetzt.
Na klar, wie immer Silvester! Es gib auch noch ein Mitternachtsbuffet. Etwas
essen. Weiter trinken. Doch es wirkt nicht. Zwei aus unserer Gruppe
verabschieden sich. Wir sind nur noch zu viert.
Müdigkeit macht sich breit. Nicht bei mir. Aber bei
meiner Begleitung. Wir sitzen am Tisch. Unser Gespräch plätschert dahin. Ich
bin am Nachbartisch. Eigentlich. Beobachte. Sie. Oder ihn. Ich weiß es nicht.
Kann er es sein? Mein Blick ist fest. Auf sie gerichtet. Auf ihn gerichtet. Er
schaut nicht auf. Ist im Gespräch. Oder in Gedanken?
„Sebastian ?!“ tönt es von links. Der Herr an der
Stirnseite, tiefe Stimme. Keine Reaktion.
„Herr Dräger!“
Habe ich das jetzt wirklich gehört? Meine Ohren? Sind die
zuverlässig? Oder hören die nur was sie hören wollen? Kann man Halluzinationen
mit den Ohren haben? Ist das hier real? Oder Wunschdenken? Würde ich mir so
etwas wünschen?
Habe den Anschluss verloren. Meine Augen fressen ihn auf.
Versuchen die Bilder in Übereinstimmung zu bringen. Kann sein. Kann nicht sein.
Ich bin mir nicht sicher, ich bin mir nicht sicher, ich bin mir nicht sicher...
Er schaut nicht auf. Traue ich meinen Ohren? Wenn die Augen unsicher sind? Ich
habe Fieber. Bestimmt!
Wir brechen auf. Die Begleitung ist müde. Meine Augen
ruhen auf ihm. Auf ihr? Bis wir durch die Tür sind. Er sieht nicht her.
Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich kann nicht
schlafen. Die ganze Nacht nicht.
Budapest
Was erwartet man von einem Budapestbesuch Ende Oktober? Also, wir dachten an strahlende Herbsttage, klare Luft und die in der Sonne funkelnde Donau. So ein Städteurlaub wie aus dem Katalog halt. Hat nicht ganz geklappt! Die ungarische Metropole hat sich wettermäßig an den allgemeinen mitteleuropäischen Trend des Jahres 2017 angepasst und sich die meisten Tage unseres Aufenthaltes in mittel- bis dunkelgrau gehüllt und mit Nässe nicht gegeizt. Doch Budapest kann gerne versuchen seine Reize zu verstecken, so ganz gelingt das auch in grau gehüllt nicht. Was wir besucht haben? Was wir empfehlen können? Das folgt nun...
Unsere Ferienwohnung liegt im Burgviertel und so können wir die Matthiaskirche zu Fuß erreichen, zehn Minuten, diverse Treppenstufen und wir sind da. Übrigens tatsächlich noch bei Sonnenschein an unserem Ankunftstag. Absolut sehenswert ragt der gotische Turm dieses Wahrzeichen 72 Meter in den noch blauen Himmel und die Mischung aus Früh-, Spät,- und Neogotik, gekrönt von einem bunten Ziegeldach ist nicht nur von außen imens beeindruckend.
Im 19. Jahrhundert versuchte man die mittelalterliche Wandbemalung im Inneren der Kirche zu rekonstruieren, ergänzt durch individuelle Muster und eigene Interpretation, ich persönlich finde das ganze wirklich gelungen. Allerdings kann ich keine Aussage darüber treffen, wie historisch stilecht das nun ist. Den Sissi-Fans unter euch sei gesagt, dass hier die offiziele Krönung von Kaiser Franz-Josef und seiner berühmten Angetrauten zum König und Königin von Ungarn stattfand.
Direkt neben der Matthiaskirche befindet sich die Fischerbastei.
Auch diese dürfen wir noch im Schein der abendlichen Budapester Sonne genießen, und zwar sogar ohne Jacke!
Aussehen tut die Fischerbastei wie eine mittelalterliche Festungsanlage, aber da täuscht sie den Betrachter. Gebaut wurde sie von 1899 bis 1902 und ist eigentlich mehr ein dekoratives Element in Verbindung mit der Matthiaskirche. Allerdings ein durchaus gelungenes, das einen grandiosen Ausblick auf die Donau und das gegenüberliegende Donauufer samt imposanten Parlamentsgebäude ermöglicht.
Das Parlamentsgebäude...
Zu diesem gigantischen Gebäude, das das ungarische Parlament beheimatet, haben wir während unseres Aufenthaltes eine ganz besondere Beziehung entwickelt. Und ich kann nicht wirklich behaupten, dass es eine gute Beziehung geworden ist. Das liegt nicht an dem, was das ungarische Parlament so verabschiedet - obwohl auch das meist nicht meine Zustimmung finden würde - sondern an den Hürden, die man bewältigen muss, wenn man dieses Parlament besichtigen will. Und das wollen wir. Dieses Gebäude soll 268 Meter lang, 123 Meter breit und 96 Meter hoch sein, 691 Räume, 27 Eingänge und 20 Kilometer Treppen beheimaten, ein Gebäude der Superlative also, natürlich wollen wir es besichtigen. Doch wir finden einfach nicht zueinander. Tickets gibt es nur über eine Internetseite, jegymester.hu, heißt sie und wir tun unser möglichstes, nur mit der Bezahlung klappt es trotz Kreditkarte einfach nicht. Macht ja nichts, denken wir, kaufen wir die Tickets halt vor Ort. Aber Pustekuchen, das ist stets nur für den aktuellen Tag möglich, wenn noch Tickets über sind. Und das Parlament grad nicht tagt. Trotz 5 Tagen Aufenthalt wird es einfach nichts mit uns und dem Parlament. So bleibt das Innere dieses Gebäudes für uns vorerst ein Mysterium. Vielleicht müssen wir noch einmal wiederkommen.
Doch es gibt ja noch jede Menge anderer Gebäude in Budapest. Die Große Markthalle zum Beispiel. Bei Regenwetter bietet die sich auf jeden Fall an. Aber natürlich nicht nur bei Regenwetter. Kulinarisch kann man sich hier auf jeden Fall komplett eindecken und bei dem Grau außerhalb der Halle erfreut sich das Auge an all den Farben, Düften und Geschmackskomponenten, die sich hier finden. Übrigens sind hier nicht nur Touristen unterwegs, sondern auch die Budapester kaufen hier ein.
Im oberen Teil der Halle findet sich ein ziemlich überfülltes Restaurant und die typischen ungarischen Souvenirs, die man nicht essen kann und die ich freundlich ausgedrückt nur als etwas aus der Zeit gefallen bezeichnen kann. Wer bitte kauft solche Spitzendeckchen oder Häkelblusen?
Bleiben wir bei den Gebäuden und begeben uns ins jüdische Viertel. In die große Synagoge. Es regnet wie aus Eimern, als wir dort ankommen, glücklicherweise haben wir in der U-Bahn von einem findigen Verkäufer noch einen Schirm erworben, sogar einen mit Durchblick.
Es dauert eine Weile, die mit bunten Regenschirmen dekorierte Schlange am Eingang ist lang. Aber unsere Geduld wird belohnt, denn das Innere der Synagoge ist nicht nur beeindruckend wie die gesamte Architektur des Gebäudes, sondern wir können auch noch an einer kostenlosen deutschen Führung teilnehmen. Wir erhalten eine Menge Informationen rund um den jüdischen Glauben und die Geschichte der Synagoge und des Stadtteils. Und über die Verfolgung und Vernichtung während der Nazizeit. Es befindet sich außerdem ein Friedhof für die jüdischen Märtyrer des Budapester Getthos im Garten der Synagoge, was, wenn ich es richtig verstanden habe, eigentlich nicht üblich oder erlaubt ist im jüdischen Glauben. Doch die vielen tausend Toten mussten irgendwo beigesetzt werden, so wurden hier damals zwei Massengräber geschaffen. Es ist für mich immer wieder schwer vorstellbar, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können.
Am meisten beeindruckt auf dem Gelände der Synagoge hat mich aber die weinende Trauerweide, ein Denkmal für die Opfer des ungarischen Holocaust. Die Blätter sind kleine Metalltäfelchen, auf denen die Namen jüdischer Opfer des Faschismus eingraviert sind. Jedes Blatt ein toter Mensch. Zahllose nicht gelebte Träume, begrabene Hoffnungen und Wünsche. Sachte bewegen sie sich im Wind, schlagen leise klingend aneinander, glitzernde Regentropfen bleiben an ihnen hängen, fallen schließlich zu Boden. Ein wirklich angemessenes Mahnmal.
Das jüdische Viertel in Budapest - eigentlich richtig Elisabethviertel - hat uns nicht nur überrascht, sondern auch wirklich gut gefallen. In den engen Straßen und Gassen existieren orthodoxe jüdische Synagogen direkt neben angesagten Bars und Cafés. Es gibt Restaurants mit leckerem Essen, koschere Lokalitäten liegen durchaus auch mal neben libanesischen Restaurants. Das ganze wirkt irgendwie richtig multikulti und es scheint, dass ein friedliches Miteinander der unterschiedlichsten Lebensstile möglich ist. Ein hoffnungsvoller Stadtteil!
Hier liegt auch das Szimpla, wo wir während unseres Aufenthaltes mehr als einmal eingekehrt sind. Das Szimpla ist die Mutter aller Abbruchklubs. Marode, teilweise halb verfallene Altbauten wurden vor ihrem Abriss zwischenvermietet an Gastronomen oder Künstler. Manche davon haben sich so etabliert, dass sie schon seit Jahren laufen. So wie das Szimpla.
Hier finden Märkte statt, es gibt Konzerte, Kinoabende, diverse Bars und alles was man sich von einer quirligen Begegnungsstätte wünscht. Wir haben uns hier sehr wohl gefühlt.
Genauso beeindruckend wie die weinende Trauerweide auf dem Gelände der großen Synagoge ist übrigens ein weiteres Mahnmal, das man am Donauufer unterhalb des Parlamentes findet: das Holocaust-Mahnmal. Es ist ganz schlicht, vielleicht grad deshalb aber auch so eindringlich, besteht nur aus wie zufällig platzierten Schuhen aus Gusseisen. Welche Bedeutung hinter diesem Mahnmal steckt?
Hier am Donauufer wurden zum Ende des 2. Weltkrieges viele Juden einfach hinterrücks erschossen, die Leichen fielen in den Fluss, das Wasser der Donau sollte sie hinfortspülen. Zuvor aber mussten sie noch ihre Schuhe ausziehen. So stehen hier nun sechzig Paar Schuhe einsam am Ufer und erinnern uns daran was Menschen anderen Menschen antun können. Regen zum Nachdenken an. Lassen uns sprachlos und traurig zurück.
Natürlich sind wir aber auch anderweitig nicht nur innerhalb von Gebäude unterwegs. Seltene Augenblicke bescherren uns sogar einzelne Sonnenstrahlen.
An einem leicht bewölkten Morgen haben wir uns deshalb zu Fuß aufgemacht ins Burgviertel zum königlichen Palast, müssen aber schon an der Matthiaskirche einen ordentlichen Regenschauer abwarten, bevor es weiter gehen kann.
Der Eingang zum königlichen Palast sieht aus wie ein Eingang zum königlichen Palast, sonst haben die Gebäude aber wohl schon bessere Zeiten gesehen. Im Inneren befinden sich das historische Museum Budapests, die Nationalgalerie und die Nationalbibliothek, wovon man letztere nicht besichtigen kann. Die anderen sparen wir uns auch und genießen stattdessen lieber die schöne Aussicht, während wir durch die Gärten wieder zur Donau hinabschlendern. Man kann auch die Standseilbahn dafür nutzen, aber gegen die Kälte hilft dann doch eher Bewegung. Glücklicherweise regnet es nicht.
Auf unserem Weg hinab treffen wir dann auch noch auf die Kavalerie...
Und weil wir heute so gut im rauf und runterklettern sind, nehmen wir gleich den nächsten Hügel in Angriff, der uns hinauf auf den Gellertberg bringt. Hier oben gibt es eine Zitadelle, eine Freiheitsstatue, die nicht nur ein wenig an monumentale Figuren aus der Sowjetzeit erinnert, sondern genau so eine ist, und ganz viel Aussicht. Die wäre sicher mit Sonnenschein noch viel schöner, aber da haben wir leider keinen Einfluß drauf.
Apropos monumentale Figuren... Da gibt es in Budapest doch so einen Park, der genau diese ausstellt. Nämlich der Memento Park. Der liegt am Rande Budapests und wir brauchen mit dem Bus von der Haltestelle újbuda központ eine ganze Weile bis wir dort sind. Tatsächlich sieht es hier nicht mehr nach Stadt aus, hier ist außer dem Park so gar nichts.
Als wir ankommen begrüßt uns Lenin von seinem hohen Sockel und dunkle Wolken hängen drohend über dem Park. Doch wir lassen uns nicht beirren, zahlen an der Kasse - die uns zurückversetzt in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts - unseren Eintritt und begeben uns mit Schirm bewaffnet auf das Gelände. Hier sind sie wieder alle. Die fast vergessenen Helden der Sowjetzeit. Hoch ragen sie in den dunklen Himmel, wahrscheinlich nicht ahnend, dass sie längst Geschichte sind.
Ein Besuch lohnt sich, obwohl weniger zu sehen ist als wir erwartet haben. Doch die Atmosphäre ist sehr speziell und hier wird in keiner Weise heroisiert, sondern mit Fingerspitzengespür präsentiert.
Natürlich haben wir noch jede Menge mehr besucht. Den Heldenplatz zum Beispiel.
Zwischen zwei Regenschauern auf dem Weg zur Burg Vajdahunyad, jenem seltsamen Bauensemble, das irgendwann Ende der Achtzehnhundertneunziger zu einer Landesausstellung entworfen, sämtliche in Ungarn auffindbaren Baustile vereinigt. Eine Art Disneylandburg, die dabei durchaus ihren Charme hat.
Wir waren oft und gerne mit der Budapester Metro unterwegs, die nicht nur häufig ziemlich tief und in kurzen Abständen fährt, sondern auch über Rolltreppen verfügt, die uns rasant in die Tiefe bringen und mir das Gefühl geben, unsere Hamburger Rolltreppen befinden sich mehr oder weniger im Zustand des Stillstands. Einige Bahnhöfe und Zugwagons vermitteln dabei den Eindruck vor mindestens hundert Jahren in der Zeit stehen geblieben zu sein.
Wir haben gerne oft und reichlich gegessen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir dabei einmal das Paprika in der Nähe des Heldenplatzes und die konyvbar im jüdischen Viertel.
Wir haben den Westbahnhof gesehen, der das vornehmste Mc Donalds Restaurant Europas beherbergt, waren im Opernhaus, sind ganz viel Straßenbahn gefahren und haben in den Metrostationen tatsächlich noch dem einen oder anderen übrig gebliebenen "Zigeunermusiker" lauschen dürfen. Ja, ich weiß, die Bezeichnung ist politisch sicher nicht korrekt, aber Romamusiker ist absolut nicht gängig. Davon scheint es übrigens nicht mehr viele zu geben in Budapest. Bei unserem ersten Besuch Anfang der Neunziger waren diese tatsächlich allgegenwärtig, überall hörte man die fast klagenden Klänge der Geigen. Scheinen verstummt zu sein, warum weiß ich nicht...
Vielleicht hat euch diese kleine Auswahl an Möglichkeiten Lust gemacht Budapest selber zu besuchen. Macht das! Ich wünsche euch ganz viel Spaß dabei.
Unsere Ferienwohnung liegt im Burgviertel und so können wir die Matthiaskirche zu Fuß erreichen, zehn Minuten, diverse Treppenstufen und wir sind da. Übrigens tatsächlich noch bei Sonnenschein an unserem Ankunftstag. Absolut sehenswert ragt der gotische Turm dieses Wahrzeichen 72 Meter in den noch blauen Himmel und die Mischung aus Früh-, Spät,- und Neogotik, gekrönt von einem bunten Ziegeldach ist nicht nur von außen imens beeindruckend.
Direkt neben der Matthiaskirche befindet sich die Fischerbastei.
Auch diese dürfen wir noch im Schein der abendlichen Budapester Sonne genießen, und zwar sogar ohne Jacke!
Aussehen tut die Fischerbastei wie eine mittelalterliche Festungsanlage, aber da täuscht sie den Betrachter. Gebaut wurde sie von 1899 bis 1902 und ist eigentlich mehr ein dekoratives Element in Verbindung mit der Matthiaskirche. Allerdings ein durchaus gelungenes, das einen grandiosen Ausblick auf die Donau und das gegenüberliegende Donauufer samt imposanten Parlamentsgebäude ermöglicht.
Das Parlamentsgebäude...
Doch es gibt ja noch jede Menge anderer Gebäude in Budapest. Die Große Markthalle zum Beispiel. Bei Regenwetter bietet die sich auf jeden Fall an. Aber natürlich nicht nur bei Regenwetter. Kulinarisch kann man sich hier auf jeden Fall komplett eindecken und bei dem Grau außerhalb der Halle erfreut sich das Auge an all den Farben, Düften und Geschmackskomponenten, die sich hier finden. Übrigens sind hier nicht nur Touristen unterwegs, sondern auch die Budapester kaufen hier ein.
Im oberen Teil der Halle findet sich ein ziemlich überfülltes Restaurant und die typischen ungarischen Souvenirs, die man nicht essen kann und die ich freundlich ausgedrückt nur als etwas aus der Zeit gefallen bezeichnen kann. Wer bitte kauft solche Spitzendeckchen oder Häkelblusen?
Bleiben wir bei den Gebäuden und begeben uns ins jüdische Viertel. In die große Synagoge. Es regnet wie aus Eimern, als wir dort ankommen, glücklicherweise haben wir in der U-Bahn von einem findigen Verkäufer noch einen Schirm erworben, sogar einen mit Durchblick.
Es dauert eine Weile, die mit bunten Regenschirmen dekorierte Schlange am Eingang ist lang. Aber unsere Geduld wird belohnt, denn das Innere der Synagoge ist nicht nur beeindruckend wie die gesamte Architektur des Gebäudes, sondern wir können auch noch an einer kostenlosen deutschen Führung teilnehmen. Wir erhalten eine Menge Informationen rund um den jüdischen Glauben und die Geschichte der Synagoge und des Stadtteils. Und über die Verfolgung und Vernichtung während der Nazizeit. Es befindet sich außerdem ein Friedhof für die jüdischen Märtyrer des Budapester Getthos im Garten der Synagoge, was, wenn ich es richtig verstanden habe, eigentlich nicht üblich oder erlaubt ist im jüdischen Glauben. Doch die vielen tausend Toten mussten irgendwo beigesetzt werden, so wurden hier damals zwei Massengräber geschaffen. Es ist für mich immer wieder schwer vorstellbar, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können.
Am meisten beeindruckt auf dem Gelände der Synagoge hat mich aber die weinende Trauerweide, ein Denkmal für die Opfer des ungarischen Holocaust. Die Blätter sind kleine Metalltäfelchen, auf denen die Namen jüdischer Opfer des Faschismus eingraviert sind. Jedes Blatt ein toter Mensch. Zahllose nicht gelebte Träume, begrabene Hoffnungen und Wünsche. Sachte bewegen sie sich im Wind, schlagen leise klingend aneinander, glitzernde Regentropfen bleiben an ihnen hängen, fallen schließlich zu Boden. Ein wirklich angemessenes Mahnmal.
Das jüdische Viertel in Budapest - eigentlich richtig Elisabethviertel - hat uns nicht nur überrascht, sondern auch wirklich gut gefallen. In den engen Straßen und Gassen existieren orthodoxe jüdische Synagogen direkt neben angesagten Bars und Cafés. Es gibt Restaurants mit leckerem Essen, koschere Lokalitäten liegen durchaus auch mal neben libanesischen Restaurants. Das ganze wirkt irgendwie richtig multikulti und es scheint, dass ein friedliches Miteinander der unterschiedlichsten Lebensstile möglich ist. Ein hoffnungsvoller Stadtteil!
Hier liegt auch das Szimpla, wo wir während unseres Aufenthaltes mehr als einmal eingekehrt sind. Das Szimpla ist die Mutter aller Abbruchklubs. Marode, teilweise halb verfallene Altbauten wurden vor ihrem Abriss zwischenvermietet an Gastronomen oder Künstler. Manche davon haben sich so etabliert, dass sie schon seit Jahren laufen. So wie das Szimpla.
Genauso beeindruckend wie die weinende Trauerweide auf dem Gelände der großen Synagoge ist übrigens ein weiteres Mahnmal, das man am Donauufer unterhalb des Parlamentes findet: das Holocaust-Mahnmal. Es ist ganz schlicht, vielleicht grad deshalb aber auch so eindringlich, besteht nur aus wie zufällig platzierten Schuhen aus Gusseisen. Welche Bedeutung hinter diesem Mahnmal steckt?
Hier am Donauufer wurden zum Ende des 2. Weltkrieges viele Juden einfach hinterrücks erschossen, die Leichen fielen in den Fluss, das Wasser der Donau sollte sie hinfortspülen. Zuvor aber mussten sie noch ihre Schuhe ausziehen. So stehen hier nun sechzig Paar Schuhe einsam am Ufer und erinnern uns daran was Menschen anderen Menschen antun können. Regen zum Nachdenken an. Lassen uns sprachlos und traurig zurück.
Natürlich sind wir aber auch anderweitig nicht nur innerhalb von Gebäude unterwegs. Seltene Augenblicke bescherren uns sogar einzelne Sonnenstrahlen.
An einem leicht bewölkten Morgen haben wir uns deshalb zu Fuß aufgemacht ins Burgviertel zum königlichen Palast, müssen aber schon an der Matthiaskirche einen ordentlichen Regenschauer abwarten, bevor es weiter gehen kann.
Der Eingang zum königlichen Palast sieht aus wie ein Eingang zum königlichen Palast, sonst haben die Gebäude aber wohl schon bessere Zeiten gesehen. Im Inneren befinden sich das historische Museum Budapests, die Nationalgalerie und die Nationalbibliothek, wovon man letztere nicht besichtigen kann. Die anderen sparen wir uns auch und genießen stattdessen lieber die schöne Aussicht, während wir durch die Gärten wieder zur Donau hinabschlendern. Man kann auch die Standseilbahn dafür nutzen, aber gegen die Kälte hilft dann doch eher Bewegung. Glücklicherweise regnet es nicht.
Auf unserem Weg hinab treffen wir dann auch noch auf die Kavalerie...
Und weil wir heute so gut im rauf und runterklettern sind, nehmen wir gleich den nächsten Hügel in Angriff, der uns hinauf auf den Gellertberg bringt. Hier oben gibt es eine Zitadelle, eine Freiheitsstatue, die nicht nur ein wenig an monumentale Figuren aus der Sowjetzeit erinnert, sondern genau so eine ist, und ganz viel Aussicht. Die wäre sicher mit Sonnenschein noch viel schöner, aber da haben wir leider keinen Einfluß drauf.
Als wir ankommen begrüßt uns Lenin von seinem hohen Sockel und dunkle Wolken hängen drohend über dem Park. Doch wir lassen uns nicht beirren, zahlen an der Kasse - die uns zurückversetzt in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts - unseren Eintritt und begeben uns mit Schirm bewaffnet auf das Gelände. Hier sind sie wieder alle. Die fast vergessenen Helden der Sowjetzeit. Hoch ragen sie in den dunklen Himmel, wahrscheinlich nicht ahnend, dass sie längst Geschichte sind.
Ein Besuch lohnt sich, obwohl weniger zu sehen ist als wir erwartet haben. Doch die Atmosphäre ist sehr speziell und hier wird in keiner Weise heroisiert, sondern mit Fingerspitzengespür präsentiert.
Natürlich haben wir noch jede Menge mehr besucht. Den Heldenplatz zum Beispiel.
Zwischen zwei Regenschauern auf dem Weg zur Burg Vajdahunyad, jenem seltsamen Bauensemble, das irgendwann Ende der Achtzehnhundertneunziger zu einer Landesausstellung entworfen, sämtliche in Ungarn auffindbaren Baustile vereinigt. Eine Art Disneylandburg, die dabei durchaus ihren Charme hat.
Wir waren oft und gerne mit der Budapester Metro unterwegs, die nicht nur häufig ziemlich tief und in kurzen Abständen fährt, sondern auch über Rolltreppen verfügt, die uns rasant in die Tiefe bringen und mir das Gefühl geben, unsere Hamburger Rolltreppen befinden sich mehr oder weniger im Zustand des Stillstands. Einige Bahnhöfe und Zugwagons vermitteln dabei den Eindruck vor mindestens hundert Jahren in der Zeit stehen geblieben zu sein.
Wir haben gerne oft und reichlich gegessen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir dabei einmal das Paprika in der Nähe des Heldenplatzes und die konyvbar im jüdischen Viertel.
Wir haben den Westbahnhof gesehen, der das vornehmste Mc Donalds Restaurant Europas beherbergt, waren im Opernhaus, sind ganz viel Straßenbahn gefahren und haben in den Metrostationen tatsächlich noch dem einen oder anderen übrig gebliebenen "Zigeunermusiker" lauschen dürfen. Ja, ich weiß, die Bezeichnung ist politisch sicher nicht korrekt, aber Romamusiker ist absolut nicht gängig. Davon scheint es übrigens nicht mehr viele zu geben in Budapest. Bei unserem ersten Besuch Anfang der Neunziger waren diese tatsächlich allgegenwärtig, überall hörte man die fast klagenden Klänge der Geigen. Scheinen verstummt zu sein, warum weiß ich nicht...
Vielleicht hat euch diese kleine Auswahl an Möglichkeiten Lust gemacht Budapest selber zu besuchen. Macht das! Ich wünsche euch ganz viel Spaß dabei.
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