Der Nordharz - mit der Brockenbahn auf den Gipfel

Frühes Aufstehen ist angesagt. Nachdem wir gestern ausgiebig Quedlinburg erkundet haben (  Der Nordharz - Quedlinburg - ein Unesco-Welterbetraum  ), wenden wir uns heute dem absoluten Gipfel des Harzes zu, dem Brocken. Der höchste Berg im Harz und in Norddeutschland überhaupt, stolze 1141 Meter und ein paar Zerquetschte erhebt er sich über den Meeresspiegel. Mein Blick geht aus dem Fenster, ein wenig Tageslicht ist schon zu erkennen und vereinzelnde Flocken, die mit Regen durchmischt auf dem Pflaster schon wieder zerschmolzen sind. Eigentlich haben wir auf Sonne gehofft, aber man kann ja nicht alles haben.
Mit dem Auto geht es dann nach Wernigerode, von hier startet unser Traditionszug auf den Brocken. Habt ihr gedacht, dass wir wandern wollen? Nein, wir wollen stilecht in historischen Waggons die Fahrt auf den sagenumwobenen Brocken genießen. In der Hoffnung, dass heute nicht einer jener nebelverhangenen und stürmischen Tage ist, wie sie auf dem Brockengipfel so häufig vorkommen. Die Karten müssen wir im Bahnhof abholen, am Schalter der Harzer Schmahlspurbahn hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Viele Familien nutzen die freien Tage nach den Halbjahreszeugnissen für einen Ausflug in den Schnee. Wir zahlen unsere 92 Euro für zwei Personen rauf und runter inklusive Sitzplatzreservierung und haben danach noch reichlich Zeit beim Rangieren der Loks, Inspizieren der Technik und Anhängen der Waggons zuzusehen. Tatsächlich ist das auch für Nicht-Eisenbahnfans total interessant. Um uns herum zischt und qualmt es, während die in schwarz gekleideten Herren auf der Technik herumturnen. Ein wenig wehmütig muss ich an meinen Opa denken, der mich als kleines Kind immer am Bahnhof Wandsbek-Ost abholte, zu einer Zeit, als viele Züge noch von solch qualmenden Stahlrossen gezogen wurden.
Irgendwann geht es dann aber tatsächlich los. Wir sitzen ein wenig beengt im historischen Waggon umgeben von einer Menge Kindern, die mit Mama und Papa und Oma und Opa auch auf den Gipfel hinauffahren wollen, während eine Stimme aus dem Lautsprecher uns den Reiseleiter gibt. Der erklärt nicht nur was links und rechts der Strecke Sehenswertes durch die beschlagenen Fenster zu erahnen ist, sondern gibt uns auch eine Menge Informationen rund um die Geschichte der Harzer Schmahlspurbahnen. Wusstet ihr, dass so eine Lok sieben Stunden angeheizt werden muss, bevor sie einsatzbereit ist? Ich auch nicht...
Entschlossen schnauft und stampft die Lok bergan, zieht weißen Rauch hinter sich her,  während die inzwischen pudergezuckerte Landschaft an unseren etwas trocken gewischten Fenstern vorbeizieht. Wer möchte, kann den Waggon verlassen und von der Plattform einen Blick in die Natur werfen. Allerdings sollte man zuvor die Jacke wieder angezogen haben, denn auch wenn die Brockenbahn nur mit maximal 40 Stundenkilometern unterwegs ist, reicht das um ordentlich durchzufrieren.
Als wir am Bahnhof Drei Annen Hohne halten, das auf einer Höhe von 543 Metern liegt, um Wasser aufzufüllen und einer anderen Bahn auszuweichen, reißt die Wolkendecke auf und die Sonne lugt hervor. Übrigens kann man an den Bahnhöfen auch das ein oder andere Getränk erstehen, wenn man schnell genug ist, aus einem Kiosk heraus werden kalte Getränke, Glühwein und auch Würstchen an die hungrigen Bahnfahrer verkauft.
Unser nächster Wasser- und Rangierhalt ist am Bahnhof Schierke auf 687 Metern und hier präsentiert sich die weiße Pracht in strahlendem Sonnenschein. Wie verzaubert liegt die Schneelandschaft da und wie aus einer anderen Zeit taucht unsere Lok nach dem Rangieren aus dem verschneiten Wald auf. Ist das nicht wunderschön?
Oben auf dem Gipfel hat der Nebel den Brocken aber fest im Griff. Nichts mehr mit Sonne, nur gelegentlich kann man durch die Wolkenfetzen einen Blick ins schneefreie Tal erhaschen.Wir haben zwei Stunden Aufenthalt und hätten darüber hinaus auch noch freien Eintritt ins Brockenhaus, das eine Ausstellung über Flora und Fauna, Wetterlagen, Klimadaten und die Nutzung während der Zeit des kalten Krieges zeigen soll. Wir stapfen aber lieber durch den Schnee, den wir in diesen Massen und Höhen als Hamburger ja eher nicht gewohnt sind.
Gönnen uns eine Erbsensuppe mit gelegentlichem Blick ins Tal und sind irgendwann auch durchgefroren genug, als dass wir uns freuen, dass es wieder hinunter geht. Zwei Stunden bummelt unser Zug wieder talwärts, die Heizung bollert, die Fenster sind beschlagen und wir sind irgendwie müde. Gefallen hat uns dieser Ausflug auf jeden Fall, wir kommen sicher noch einmal wieder und vielleicht erwandern wir den Brocken ja dann... Wer weiß?



Der Nordharz - Quedlinburg - ein Unesco-Welterbetraum

Zeit endlich mal rauszukommen - das erste Wochenende im Februar und wir machen uns auf in den Nordharz. Freitagmorgen geht es los, der Hamburger Himmel verabschiedet uns in freundlichem stahlgrau, knappe 300 Kilometer liegen vor uns bis zu unserer Ferienwohnung in Quedlinburg. Tatsächlich haben wir Glück, kein Stau und auch nicht so viel Verkehr. Als wir Mittags ankommen, lugt eine verschämt wirkende Sonne vorsichtig hinter den Wolken hervor. Wie nett!
Unsere Ferienwohnung liegt direkt am Markt, wir brauchen quasi nur vor die Tür fallen und schon sind wir mittendrin. Quedlinburg mit seinem historisch bebautem Stadtkern ist nicht nur Unesco-Welterbe, sondern auch eine Stadt, die stark von Frauen geprägt wurde. Nicht unbedingt üblich in den vergangenen Jahrhunderten. Mathilde hieß die Dame, die der Stadt ihren Stempel aufgedrückt hat, sie war eine Tochter Ottos des Großen und seiner Frau Kaiserin Adelheid. Ich muss zugeben, ich hatte bisher nie von ihnen gehört, doch im 10. Jahrhundert bestimmte dieses Geschlecht die Geschicke großer Teile Europas. Die gute Mathilde wurde bereits im zarten Alter von 11 Jahren Äbtissin von Quedlinburg und nach ihr lenkten viele Jahrhunderte lang Frauen das Leben in dieser Stadt. Übrigens promovierte hier auch die erste Ärztin lange bevor das in Deutschland möglich war, nämlich bereits im Jahr 1754.
Doch jetzt ist erst einmal genug mit unserem Ausflug in die Geschichte, stattdessen machen wir nun einen Ausflug in die engen von Fachwerkhäusern gesäumten Gassen dieser geschichtsträchtigen Stadt.
Quedlinburg lässt sich wunderbar zu Fuß erlaufen und ist in großen Teilen autofrei. Wir orientieren uns erst einmal Richtung Schloss, das gemeinsam mit der tausendjährigen romanischen Stiftskirche hoch über dem Ort thront. Auf dem Weg verirren wir uns ins ein oder andere Geschäft, aus dem wir mit so interessanten Dingen wie "Bier mit einer Schokoladennote" wieder auftauchen. Übrigens absolut lecker!
Die Sonne scheint inzwischen durch die übrig gebliebenen Wolken und lässt die Farben der Fachwerkhäuser strahlen. Kalt ist es trotzdem noch, aber der Blick vom Schlossberg lässt uns das vergessen. Was für eine Aussicht. Hunderte rote Ziegeldächer, von der Sonne angestrahlt. So schön!
Der Schlossberg selber ist mit seinen Gärten und der besonderen Aussicht wirklich sehenswert. Die romanische Stiftskirche in ihrer Schlichtheit finden wir aber eher enttäuschend, sie hinterlässt bei mir den Eindruck von grauem Beton - was natürlich nicht stimmt - beeindrucken tut uns lediglich der Domschatz und die Krypta, in der sich noch mittelalterliche Malereien erkennen lassen. Das ganze kostet dann auch noch 6 Euro Eintritt pro Person, was ich für Kirchen sowieso immer nicht ganz angemessen finde und für diese schon mal gar nicht. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung.
Im Sommer kann man auf der Terrasse der Restauration hier oben sicher wunderbar sitzen, jetzt im Februar scheucht uns der kalte Wind aber wieder vom Schlossberg und wir wärmen uns in einem der zahlreichen Cafés bei einem hervorragendem Kaffee und einem Stück Blechkuchen wieder auf.
Weiter gehts. Wir lassen uns einfach durch die Gassen treiben. Kommen dabei einem Turm immer näher, finden aber den Zugang nicht. Schließlich stellen wir fest, dass er auf einem Hotelgrundstück steht. So wie er aussieht, ist er aber deutlich älter als das Hotel, das gediegen wirkt und dementsprechend Schlosshotel heißt. Wie auch sonst? Ein Schild steht am Zugang zun Turm, Sternkiekerturm ist dort zu lesen.
Tatsächlich handelt es sich um einen mittelalterlichen Wehrturm der alten Stadtbefestigung, der im 18. Jahrhundert noch einmal umgebaut wurde. Zugang erhält man durch ein Drehkreuz, nachdem man ein 1 Eurostück eingeworfen hat. Dann geht es über knarzende, ausgetretene Holzstufen nach oben. Die Aussicht lohnt auf jeden Fall die Anstrengung, wenn nicht immer noch so viele Wolken unterwegs wären, könnte man bestimmt den einen oder anderen Gipfel im Harz erkennen.
Durch die Dämmerung geht es langsam wieder zurück. Ein fahler Mond hängt am Quedlinburger Himmel, sanftes Licht spiegelt sich auf dem Kopfsteinpflaster, während wir durch eine Gasse mit dem etwas seltsam anmutendem Namen Hölle spazieren. Man stelle sich vor, man wird nach seiner Adresse gefragt und muss dann antworten: "ich wohne in der Hölle 4...". Das erzeugt beim Gegenüber sicher nicht nur Fragezeichen im Gesicht.
Warum diese Straße so heißt entzieht sich leider meiner Kenntnis, ich erinnere mich etwas gelesen zu haben, dass ein Zusammenhang zu den rußgeschwärzten Häusern bestanden haben soll. Genauer weiß es sicher der mittelalterlich gewandete Herr, auf den wir einige Gassen weiter treffen und der hier Touristen als Nachtwächter durch die Stadt geleitet. Doch wir haben Hunger, deshalb folgen wir ihm nicht, sondern machen uns auf den Weg, um unseren Magen zu füllen. Das geht übrigens ausgezeichnet im Brauhaus Lüdde, dann gibts gleich noch ein süffiges Bier dazu.
Morgen gehts übrigens mit der Brockenbahn hinauf auf den Gipfel. Vielleicht lesen wir uns?





Hamburg - Ein Spaziergang in Schweenssand, die alte Süderelbbrücke und der Billhafen

Hamburg im Winter ist grau. Und das zuverlässig viele Tage hintereinander. An den meisten grauen Tagen ist es darüber hinaus auch noch nass. In unterschiedlicher Intensität. Ganz selten schneit es mal, so wie gestern. Meist verwandelt sich die weiße Pracht aber schnell in formlosen Matsch - natürlich in grau. An absoluten Ausnahmetagen im Winter - vor allen Dingen in diesem - ist plötzlich der Himmel von einem klaren Blau und die Sonne strahlt über der schönsten Stadt der Welt. Wenn es dann noch ein Sonntag ist, gibt es kein Halten mehr. Statt vor Schreck über den ungewöhnlichen Himmelskörper förmlich zu erstarren, verlässt der gemeine Hamburger dann zügig seine Behausung, um irgendeiner Beschäftigung im Freien nachzugehen. Man weiß ja nie wie lange einem das Himmelsblau samt Sonnenschein erhalten bleibt. So auch bei uns geschehen am letzten Sonntag.
Die Idee:
Wir wollen uns mal den ältesten Baum Hamburgs angucken. Auf 1000 Jahre wird ihr Alter geschätzt. Eine Eibe, die am Neuländer Elbdeich zu finden sein soll. So steht es in dem Buch "111 Orte in Hamburg die man gesehen haben muss". Also nichts wie ins Auto und über die Elbe nach Hamburg-Neuland.
Dort angekommen stellen wir fest... diesen Ort muss man eigentlich nicht unbedingt gesehen haben. Die Eibe wirkt weder imposant noch ehrfurchtseinflößend, sie ist nicht groß, nicht weit ausladend, sie ist einfach nur unspektakulär. Alter hat halt nicht unbedingt was mit Größe oder Schönheit zu tun. Ein wenig enttäuscht machen wir uns wieder vom Acker, parken unser Auto am Deich - Mütze auf, Handschuhe an, Schal festgezogen - los gehts zu einem ausgedehntem Deichspaziergang.
Neuland liegt östlich von Harburg und damit südlich der Elbe und fühlt sich eher nach Dorf als nach Stadt an. Neu ist es auch nicht wirklich, denn schon Ende des 13. Jahrhunderts siedelten sich hier Menschen an. Wir spazieren jetzt übrigens durchs Naturschutzgebiet Schweenssand.
Die Bäume hier finde ich tatsächlich ungleich beeindruckender, obwohl die letzten Stürme den einen oder anderen komplett entwurzelt haben.
Außer einigen spielenden Kindern, die hier auf diesem verwunschen wirkenden Stück Erde noch echte Abenteuer erleben können, treffen wir nur wenige andere Menschen. Ein paar Hundebesitzer sind unterwegs, aber das war es dann auch. Schade eigentlich - also für die, die hier nicht unterwegs sind - denn es ist wirklich schön hier.
Im Sommer ist hier sicher mehr los, auf unserem Spaziergang landen wir auf einer Insel, die Heimat diverser Ruderclubs ist. Wer die Süderelbe vor der Tür hat, hat damit bestimmt ein großartiges Ruderrevier gefunden.
Nach einer Stunde sind wir ordentlich durchgefroren, zumal ein eisiger Wind weht. Also ab ins Auto und los gehts. Doch was ist das eigentlich für eine Brücke dort? Die gibt sicher ein wirklich gutes Fotomotiv ab. Wir halten an und steigen wieder aus. Natürlich mit Mütze, Handschuhen und was man sonst noch so braucht. Hach, ist das schön hier! Eine Brücke nur für Fußgänger und Radfahrer. Und obwohl heute der Himmel blau ist und die Welt um uns herum andere Farben zeigt als nur grau, gibt es die Fotos der alten Süderelbbrücke nun in schwarz-weiß. Weil sie einfach schöner sind.
Man kennt die Brücke auch unter dem Namen Alte Harburger Elbbrücke, sie wurde 1899 eingeweiht, war die erste Straßenbrücke über die Süderelbe und führt heute paralel zur A 352 über den Fluss. Für alle, die gerne Fotos machen auf jeden Fall ein genialer Fotospot.
Und davon besuchen wir gleich noch einen, allerdings gibt es hier die Fotos in Farbe. Wovon? Von dem blauen Kran im Billhafen in Rothenburgsort. Jeder, der nach Hamburg über die A255 und die Billhorner Brückenstraße hineinfährt, kann ihn auf der linken Seite entdecken. Wie ein Mahnmal rostet er dort vor sich hin, der ehemalige Löschplatz ist heute eine Industrieruine. Eine sehr fotogene übrigens.
Eine Hamburger Tageszeitung hat diesen Ort in eine Liste von Lost Places aufgenommen, aber niemand kann genau sagen wie lange dieser Platz noch "lost" ist. Die Hafencity rückt immer näher, allzulange wird hier wohl nicht mehr der Charme eines Industriedenkmals mit viel Graffiti und rostendem Metall versprüht werden. Doch noch kann man hier wunderbare Fotomotive finden und ich könnte mir vorstellen, dass bei Sonnenuntergang ein ganz besonderer Zauber über diesem Ort liegt. So lange wollen wir aber heute nicht mehr warten. Wir sind ziemlich durchgefroren. Vielleicht kommen wir an einem lauen Sommerabend - ja, die gibt es manchmal in Hamburg - noch einmal wieder und genießen den Sonnenuntergang.


Budapest bei Nacht

Nachdem ich alle Fotos noch einmal gesichtet habe, ist mir aufgefallen wie viele das beleuchtete Budapest zeigen. Tatsächlich hat Budapest bei Nacht noch einen besonderen Zauber. Um den zu erkennen, braucht es eigentlich keine Worte, sondern Bilder. Und die bekommt ihr hier jetzt. Viel Spaß damit.

Die beleuchtete Matthiaskirche

Blick von der Fischerbastei auf das Parlament

 

Blick Richtung Donau

 

Die nächtliche Fischerbastei

 

beleuchtete Metrostationen

 

Die große Synagoge im Abendlicht

 

...und noch ein wenig später...

 

Restaurant...

 

Geisterhäuser

 

Nachts im Szimpla

 

noch mehr Nachts im Szimpla...

 

...und noch mehr...

 

...ein wenig Ostern steckt in jedem Moment...


Tschüss Budapest

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Surreal




Vor einigen Jahren. Alles läuft normal. Erkennbar daran, dass sich meine Kilos wieder festsetzen. Heute ist Silvester. Die geplante Location war ausgebucht. Wir feiern woanders.  Gemeinsam mit Freunden. Stiefeln frühzeitig durch den schmutzigen, aufgetürmten Schneematsch. Um noch einen guten Tisch zu kriegen. Tischreservierungen waren nicht möglich. Angeblich.

Wir haben Glück. Ein Tisch für sechs Personen. In einer Ecke. Leider nicht am Fenster. Die sind reserviert. Komisch. Ach so, es gibt einen Rollstuhlfahrer. Niedrige Decken. Geschmückt mit Flitter und Papier. Man läuft dagegen. Wenn man durch die Räume geht.  Papierfäden streifen über die Gesichter. Musik ist noch leise. Um uns herum füllen sich die Tische. Eine Gruppe älterer Damen direkt neben uns. Keine Pappnasen. Aber auch keine Verkleidungen?

Getränke holen. Whiskey. Cola. Wasser. Caipirinha. Verteilt auf dem Tisch. Auf eine schöne Feier. Prost. Blick aus den Augenwinkeln. Auch die Plätze an den reservierten Tischen füllen sich. Eine gemischte Gruppe. Sie fotografieren. Mist. Wir haben den Fotoapparat vergessen. 

Es wird voller. Enger. Lauter. Lustiger. Die Musik wird aufgedreht. Leider ist die Box hinter unserem Tisch kaputt. Knarrt und verliert den Anschluss. Um dann wieder laut einzusetzen. Gespräche werden schwieriger. Mein Blick schweift durch den Raum. Beobachtet. Betrachtet. Die gemischte Gruppe gegenüber passt irgendwie nicht zusammen. Oder doch? Ansonsten ist unser Alter gut vertreten. Auch Ältere. Wenige junge. Tanzen?...Tanzen!

Der DJ ist am anderen Ende des Raumes. Davor eine freie Fläche als Tanzfläche. Nicht voll, aber gut belegt. Die Beleuchtung schummerig. Lichtreflexe aus verschiedenen Ecken. Blenden kurz. Wandern über die Menge. Beleuchten und tauchen erneut ins Halbdunkel. Zaubern Farbe auf Gesichter. Lächeln. Sich dem Rhythmus hingeben. Gedanken ausschalten. Tanzen.

Mein Nacken prickelt. Etwas ist seltsam. Blicke mich um. Mein Blick bleibt hängen. Eine Frau. Neben mir. Irgendwie altmodisch gestylt. Helles Top, vielleicht hellblau? Darüber eine gerade fallende Bluse, dunkel. Eine Hose oder einen Rock? Ich erinnere mich nicht. Haare leicht lockig, brünett im Zwielicht. Gestuft bis zum Ansatz der Schultern. Mit Perlenkette. Und Perlenohringen? Ein Bild steigt in mir hoch. Ich kann es nicht fokussieren. Weckt eine Erinnerung. Die Frau ist groß. Größer als ich. Was nicht häufig vorkommt. Für eine Frau sind die Schultern breit...Naja, meine Schultern sind auch breit.

Ich drehe ihr den Rücken zu. Versuche den Gedanken zu verscheuchen. Er setzt sich fest. Kann man ihn wegtanzen? Um mich herum Menschen. Tanzend. Mal blau, mal rot, mal gelb beleuchtet. Es ist warm. Mir ist heiß. Das Ganze ist irgendwie surreal. Das kann nicht sein...

Drehe mich erneut um. Da ist sie noch. Mustere sie verstohlen. Und tanze dabei weiter. Automatisch. Die Musik nicht wirklich hörend. Ihr Gesicht. Schon irgendwie weiblich. Mund und Nase, ja. Brille, o.k. Augenfarbe? Sieht irgendwie falsch aus. Augenbrauen? Anders, aber möglich. Das Gesicht ist schmaler. Haare? Nach Perücke sieht es nicht aus. Beiße mir auf die Lippe. Hallo? Was denke ich da? Das kann nicht sein. Ich werde schwachsinnig.

Sie tanzt weiter. Verhalten. Nicht mit vollem Körpereinsatz. Glaube ich. Blickt in eine andere Richtung. Meine Augen wandern in ihren Ausschnitt. Wenig Busen. Bedeckt. Kein Ansatz zu sehen. Könnte man so herrichten. Ich schließe die Augen. Das Bild steigt wieder auf. Im Internet. Ein Foto. Er. Mit Handtasche. Perücke. Und Perlenkette. Ich hatte einen Scherz vermutet. Kann es sein?

Verdränge das ganze. Es ist Silvester. Ich will mich nicht verrennen. Bin schließlich nicht allein hier. Wir wollen gemeinsam feiern. Die Musik wird schlechter. Rückkehr an den Tisch. Trinken. Lachen. Irgendwie ist das alles nicht real. Ich bin da, aber auch nicht da. Es ist heiß. Fächel mir Luft zu. Mit der Getränkekarte. Die Gespräche erreichen mich nicht wirklich. Während mein Blick über die Menge wandert. Ist sie irgendwo? Ist er irgendwo? Was??

Musik wandert in mein Ohr. Das ist gut. Das ist tanzbar. Lenkt vom Denken ab. Arbeiten uns durch die Papierschlangen bis zur Tanzfläche. Schlängeln uns an im Weg stehenden Körpern vorbei. Da ist sie wieder. Tanzt. Sieht mich an, als ich vorbeigehe. Erwartungsvoll? Nein, bestimmt nicht! Ich glaube es nicht. Will es nicht glauben. Zweifel. Glaube es irgendwie doch. Passen würde es. Zu allen Informationen. Die ich zusammengestalkt habe. Warum hier? Warum jetzt? Meine Haare sind zu kurz. Zu viele Kilos. Die alle mal weg waren. Da habe ich ihn nicht getroffen. Es ist immer noch wichtig. Ihn zu beeindrucken. Schau, was aus mir geworden ist...

Er ist es nicht. Er ist es bestimmt nicht. Ich treffe ihn als Frau. Auf einer Silvesterparty. So ein Schwachsinn. Meine Phantasie geht mit mir durch. Hallo, kann mir jemand sagen, wo ich die Realität finde? Schweiß läuft mir in den Nacken. Hitze. Viele Menschen in niedrigen Räumen. Die kleinen Fenster sind beschlagen. Man kann nicht mehr hinaussehen. Wasser rinnt an ihnen herab. Lichter streifen mich. Entlassen mich wieder ins Dunkle. Ich muss etwas trinken. Zurück an den Tisch.

Da ist sie wieder. Da ist er wieder? Lächelt mich an. Lächelt mich an? So ein Unsinn. Lächle ich zurück? Ich weiß es nicht. Fülle den Caipirinha mit Wasser auf. Trinke. Als würde ich verdursten. Das ist alles nicht richtig hier. Mein Blick bleibt hängen. Am Nachbartisch. Da sitzt sie. Direkt gegenüber. In der gemischten Gruppe. Im Gespräch. Mit einer anderen Frau. Streicht sich mit der Hand die Haare aus dem Gesicht. Eine typisch weibliche Geste.  Es erinnert mich an... An was? Das letzte Kaffeetrinken. Er fragt, ob er rauchen könne. Zündet sich die Zigarette an. Hält sie. Irgendwie weiblich. Es war befremdlich. Damals.

Unsinn. Das ist eine Frau. Da passen typisch weibliche Gesten. Versuche mich auf unseren Tisch zu konzentrieren. Lache. Spreche. Und trinke dabei. Rotwein. Vielleicht finde ich die Wahrheit darin. Mein Blick bleibt aber immer am Nachbartisch hängen. Was ist das für eine Gruppe? Keine Pärchen. Jedenfalls nicht offensichtlich. Die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen Tischseite. Zufall? Das Alter schwer zu schätzen. Lauter Schwule? Mit unterschiedlichen Neigungen? Die sich auch gerne mal als Frau verkleiden? Oder eine sein wollen? Alles Männer? Nein, das kann nicht sein.

Einer dreht sich um. Blickt mich an. Direkt. Irgendwie böse. Hat er meine Gedanken gespürt? Oder hat ihm jemand etwas erzählt? Über mich? Das ganze wird seltsam. 

Mitternacht. Der Discjockey hat vergessen die Zeit vorzugeben. Egal. Wir zählen eigenmächtig. Prost Neujahr. Wieder ein neues Jahr. Umarmungen. Küsse. Gute Wünsche. Alles strömt nach draußen. Es stockt vor der Tür. Ich bleibe im Eingang stehen. Alleine. Draußen ist es zu laut. Zu kalt. Zu eng. Die Nacht wird surreal. Zieht an mir vorbei. Kann nicht wirklich sein. Gehe zurück an unseren Tisch. Versuche die Kinder zu erreichen. Besetzt. Na klar, wie immer Silvester! Es gib auch noch ein Mitternachtsbuffet. Etwas essen. Weiter trinken. Doch es wirkt nicht. Zwei aus unserer Gruppe verabschieden sich. Wir sind nur noch zu viert. 

Müdigkeit macht sich breit. Nicht bei mir. Aber bei meiner Begleitung. Wir sitzen am Tisch. Unser Gespräch plätschert dahin. Ich bin am Nachbartisch. Eigentlich. Beobachte. Sie. Oder ihn. Ich weiß es nicht. Kann er es sein? Mein Blick ist fest. Auf sie gerichtet. Auf ihn gerichtet. Er schaut nicht auf. Ist im Gespräch. Oder in Gedanken?

„Sebastian ?!“ tönt es von links. Der Herr an der Stirnseite, tiefe Stimme. Keine Reaktion.

„Herr Dräger!“

Habe ich das jetzt wirklich gehört? Meine Ohren? Sind die zuverlässig? Oder hören die nur was sie hören wollen? Kann man Halluzinationen mit den Ohren haben? Ist das hier real? Oder Wunschdenken? Würde ich mir so etwas wünschen? 

Habe den Anschluss verloren. Meine Augen fressen ihn auf. Versuchen die Bilder in Übereinstimmung zu bringen. Kann sein. Kann nicht sein. Ich bin mir nicht sicher, ich bin mir nicht sicher, ich bin mir nicht sicher... Er schaut nicht auf. Traue ich meinen Ohren? Wenn die Augen unsicher sind? Ich habe Fieber. Bestimmt! 

Wir brechen auf. Die Begleitung ist müde. Meine Augen ruhen auf ihm. Auf ihr? Bis wir durch die Tür sind. Er sieht nicht her.

Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich kann nicht schlafen. Die ganze Nacht nicht.