Der erste Frost

Eine kurze Geschichte für alle, die den Winter in unseren nördlichen Gefilden verbringen müssen:

Früher Novembermorgen am östlichen Stadtrand Hamburgs. Es ist 6 Uhr 40, Zeit das Haus zu verlassen. Im Osten erhellt bereits der Hauch einer schwachen Ahnung des kommenden Tageslichtes den Horizont. Heute muss ich unseren Zweitwagen nehmen, das Wurstauto, der andere muss zur Reparatur.
Der Zweitwagen parkt nie unter dem Carport. Auch heute nicht. Er steht eingeklemmt am Rande des Grundstückes neben einer Steinmauer, die im Dunkeln kaum zu erkennen ist. So dass ich mit dem Fuß umknicke, noch bevor ich entdecke, dass es heute Nacht den ersten Frost gegeben hat. Das fängt ja gut an. Also Tasche ins Auto und Eiskratzer raus. Tatsächlich liegt er da, wo ich ihn vermute. Und taugt wenig, den hartnäckigen, pickeligen Frost von der Windschutzscheibe zu entfernen. Nach einigen zaghafen Versuchen meinerseits, erschwert durch den steinmauermäßigen, efeuüberwachsenen Untergrund, begebe ich mich auf die Suche nach dem Enteiserspray. Ja, ich weiß, es ist bestimmt nicht die umweltbewusste Herangehensweise, aber morgens um 6 Uhr 40 mit eisigen, klammen Fingern ist mir das egal. Ich sprühe also reichlich und tatsächlich rinnt das geschmolzene Eis daraufhin freundlich von der Windschutzscheibe hinunter. Super! Dann kanns jetzt ja losgehen. Denke ich. Aber Pustekuchen. Auch innen ist die Scheibe mit einer dünnen Eisschicht bedeckt.
Ich schalte Wagen und Lüftung an und erhalte augenblicklich mindestens Windstärke 12 von vorne. Eisig natürlich. Der Eiskratzer bewirkt auch hier nicht wirklich etwas und leichtsinnig und ungeduldig, wie ich manchmal bin, greife ich erneut das Enteiserspray, um die Frontscheibe auch von innen damit einzusprühen. Und, ja, ihr habt richtig geraten. Wegen des Lüftungssturmes erhalte ich einen wirklich erfrischenden Enteiserregen ins Gesicht. Super. Also erstmal Brille putzen. Und dann Scheibe putzen. Nachdem ich den Schmierfilm großflächig über die Frontscheibe verteilt und vergeblich nach einem trockenen Tuch gesucht habe, aber nur nasse Papierfetzen in der Seitenablage finde, beschließe ich loszufahren.
Hoch auf die Deichstraße, irgendwie schemenhaft ist der Weg durch das Geschmiere auf der Scheibe zu erkennen. Aus der Lüftung kommt immer noch Windstärke 12, meine Augen fangen an zu tränen, aber sonst bewirkt der Sturm wenig. Achja, Radio könnte man auch mal anschalten. Wenn man es denn könnte. Tausend blau beleuchtetet Knöpfe, doch welchen man auch drückt, kein Ton kommt raus. Ich erwische mich dabei, dass ich die Augen von der Straße abwende, die ich ja sowieso nicht richtig sehen kann, um hinter das Mysterium des nicht funktionierenden Radios zu kommen. Das geht natürlich gar nicht, also Blick zurück auf das nebulöse Geschehen hinter der Windschutzscheibe.
Gut an diesem Morgen ist, dass ich keinen Beifahrer habe, der sich mein Geschimpfe anhören muss, während der Himmel über der Elbe von einem rötlichen Schimmer überzogen wird. Und gut ist auch, dass der Zeitpunkt kommt, wo sich der eisige Wind in einen heißen Mistral wandelt und ich endlich etwas sehen kann. Gut ist vor allem, dass ich trotz schlechter Sicht gut ankomme. Und am besten ist, dass ich am Ende hinter mir sitze, mich von dort betrachte und über mein ungeduldiges Geschimpfe lächeln kann. Manchmal tut es gut die Perspektive zu wechseln.



Mein Traum von Afrika - der Tembe Elephant Park

Kennt ihr das? Einige Orte auf dieser Welt prägen sich so ins Gedächtnis ein, hinterlassen eine so zauberhafte Erinnerung, dass, wann immer man daran denkt, man sich sofort dorthin zurückwünscht. Das ist eine Sehnsucht, die über das normale Fernweh weit hinausgeht. So geht es mir mit dem Tembe Elephant Park, den ich euch hier noch einmal vorstellen möchte.
Vielleicht hat der eine oder andere von euch bereits die Reiseberichte über unsere Südafrikareisen  2011 und 2012 gelesen. Beide Reisen führten uns auch in diesen Park und obwohl es keiner der großen Nationalparks ist und auch keiner der luxuriösesten, hat mich seine Atmosphäre, die wunderbare Tierwelt, die herzliche Gastfreundschaft und die Sachkenntnis der Guides am meisten beeindruckt.
Der Tembe Elephant Park liegt in einer wenig besuchten Region Südafrikas, im Maputaland. Im Norden grenzt dieses Gebiet an Mosambik, im Westen an die Lubombo Mountains und im Süden an den Isimangaliso Wetlandpark. Im Osten liegt der indische Ozean. Das ganze Gebiet ist eher dünn besiedelt und wenig touristisch erschlossen, die Region war bis Mitte 1965 noch fast unzugänglich.
Der Tembe Elephant Park wurde 1983 gegründet, um die letzten freilebenden Elefanten Südafrikas zu schützen. Hier, zwischen Maputaland und Mosambik wechselten einst große Herden. Wegen der dauernden Bedrohung durch Wilderer flohen Restbestände in das dicht bewaldete Küstengebiet des heutigen Parks. Man sieht auch heute noch an vielen Elefanten die Wunden, die Gewehre und Fallen hinterlassen haben.
 



Die Tembe Elephant Lodge ist einzigartig - es ist die einzige Full-Service-Game Lodge, die im Besitz der zuständigen Gemeinde ist. Hier profitieren die Menschen unmittelbar von dem Geschäft mit den Touristen und das merkt man, denn alle, die dort beschäftigt sind, sind mit Herz und Seele dabei. Der Park ist auch der größte Arbeitgeber in dieser Gegend und tatsächlich arbeiten hier Menschen, die zuvor noch nie in ihrem Leben einen Computer gesehen haben. Es gibt schließlich in vielen Bereichen dieser Gemeinde noch keinen Strom. 
Wer mit seinem Wagen dort ankommt, lässt ihn auf einem Platz kurz hinter dem Tor stehen und wird mit einem Allradfahrzeug zur Lodge gebracht. Mit anderen Fahrzeugen ist der Park nicht zu befahren. Dort angekommen begrüßt das Personal mit einem Willkommenslied. Und tatsächlich habe ich mich nirgends so willkommen gefühlt wie an diesem besonderen Ort. 
Im Tembepark gibt es für das Wild jede Menge Rückzugsmöglichkeiten, nicht alle Strecken werden befahren. Insgesamt sind die Tiere hier nicht so an Touristen gewöhnt, es ist ursprünglicher und authentischer als zum Beispiel im  Krügerpark. Das aber macht den Reiz dieses besonderen Parks aus, es stehen halt keine 50 Wagen an der Stelle, an der Löwen gesichtet wurden, sondern man steht ganz alleine dort. Damit ihr eine Vorstellung bekommt, gibt es jetzt einfach mal ein paar Bilder.
Mit diesen Fahrzeugen gehts durch Busch und Savanne... und keine Frage bleibt unbeabtwortet


African Wilddogs - vom Aussterben bedrohte Tierart - so schnell wie sie da sind, sind sie auch wieder weg

Impala - mit großen Augen und noch größeren Ohren
Der König der Tiere kann auch mal beide Augen zudrücken
auch kleine Tiere werden hier nicht übersehen

Mkadebona - der Elefant mit den zweitgrößten Stoßzähnen der Welt - leider kurz nach Aufnahme des Fotos verstorben
küssende Giraffe
nebliger Sonnenaufgang über dem Busch
energiegeladen sieht anders aus - zwei Löwinnen beim chillen




Abendveranstaltung in der Lodge - Zulutanzgruppe der benachbarten Schule
das Personal tanzt gerne mit
Giraffen im Nebel
und natürlich immer wieder Elefanten

zwischendurch gibt es stets etwas leckeres zu essen, serviert unter freiem Himmel, Abends bei Kerzenschein und Sternenlicht - nur untermalt von den Geräuschen des Buschs... wunderbar

Der Platz für Essen und Austausch

Hier ist irgendwie mein Herz hängen geblieben und grad in unseren dunklen und feuchten Monaten wünsche ich mich dorthin zurück.
Zum Schluss noch das Erlebnis, das sich für immer in unser Gedächtnis eingeprägt hat:
Es ist spät. Wir liegen nach einem langen Tag mit vielen Eindrücken satt und zufrieden in unseren Betten (übrigens gibt es für die kalten Nächte eine elektrische Heizdecke im Bett... superkuschelig), als uns etwas aus unserem Dämmerschlaf holt. Vor unserem Zelt ein lautes Knacken und Krachen, brechende Äste und merkwürdige kauende Geräusche. Wir haben vergessen das Außenlicht auszumachen, nur deshalb kann Thias etwas sehen, als er vorsichtig den Reißverschluss öffnet. Riesenlange Stoßzähne direkt neben unserer Holzveranda. Wir haben Besuch. Isilo ist da. Der Elefant mit den größten Stoßtähnen Afrikas schmatzt gerade heftig, während er die Blätter der umgebenden Bäume zerkaut. Wirklich, wir können ihn deutlich kauen hören. Und auf eine beeindruckende graue
Wand neben unserer Veranda blicken. Wir überlegen kurz, ob ein Foto möglich ist, entscheiden uns aber dagegen, schleichen wieder in unsere Betten, drehen die Heizdecken auf und horchen, ein wenig beklommen, auf die Geräusche, die Isilos Mahlzeit in die kalte Nacht hinaus schickt.Wirklich unglaublich! Sie entfernen sich langsam und irgendwann schlafen wir ein.
Isilo besucht die Lodge gerne... und lässt sich auch durch den Zaun nicht davon abhalten. Uns hat sein Besuch nicht gestört, wir werden ihn auf ewig in Erinnerung behalten. Und wenn ihr einmal nach Südafrika kommen solltet, nehmt euch ein paar Tage Zeit diesen Park zu besuchen. Ihr werdet es sicher nicht bereuen.
Hier noch der link zur Webseite des Parks:
http://www.tembe.co.za/index.htm

Luftholen in Kühlungsborn

Manchmal ergibt sich auch bei mir mal ein spontaner Kurzurlaub. Eigentlich sollte der Ofenbauer kommen, wir haben frei genommen und wie das mit Plänen so ist, plötzlich ist alles anders. Der Ofenbauer kann erst eine Woche später und bei uns ist es an der Zeit für eine kurze Pause am Wasser.
Also mache ich mich auf die Suche nach etwas Bezahlbarem im Internet und stoße dabei auf das Apartmenthaus Monika in Kühlungsborn. Der Name klingt jetzt erstmal nicht so vielversprechend, die Bilder sehen aber gut aus und der Preis ist unschlagbar. So buche ich das ganze kurzerhand und ein paar Tage später fahren wir los.
In Kühlungsborn waren wir schon einmal, hatten das aber wegen eines akuten Blinddarmes nach einer Nacht abbrechen müssen. Der Blinddarm ist inzwischen übrigens Geschichte. Wer mich kennt, wird sich wundern, dass ich ein Reiseziel ausgewählt habe, dass in weniger als zwei Stunden erreichbar ist, aber ich bekam gerade eine akute Besichtigungsüberdosis diagnostiziert und wollte alles ein wenig einfacher und stressfreier gestalten. Dafür ist Kühlungsborn, mit seiner erfrischenden Unaufgeregtheit absolt perfekt.
Das Apartment- haus Monika liegt knappe 100 Meter entfernt von der Seebrücke und entgegen meiner aus dem Namen resultierenden Befürchtung ist es ganz hervorragend ausgestattet. Sogar ein eigener kostenfreier Parkplatz wird hier geboten und ein Balkon mit seitlichem Meerblick. Also, man muss schon genau gucken...
Kühlungsborn liegt 25 km von Rostock entfernt, direkt an der Mecklenburger Bucht und hat eine lange Tradition als Seebadort, bereits 1847 wurden die ersten Badeprospekte gedruckt. Auch zu FDGB-Feriendienstzeiten in der DDR war Kühlungsborn beliebt und während der Hochsaison immer ausgebucht, so dass es tatsächlich häufig zu Versorgungsengpässen gekommen sein soll.
eines der nicht sanierten Gebäude an der Strandpromenade

Das ist heute nicht mehr der Fall. Es gibt Bäckereien, Restaurants, Eisdielen, Bierhäuser, eigentlich alles, was der Urlauber so braucht. Wahrscheinlich auch vieles was er nicht unbedingt braucht. Unser erster Spaziergang die 3150 Meter lange Strandpromenade hinunter, übrigens Deutschlands längste, offenbart uns, dass hier gründlich saniert und viele historische Bauten wiederhergestellt wurden. Und es darf kein Gebäude höher gebaut werden, als die höchsten Bäume gewachsen sind. Das nenn ich mal eine vernünftige Bauvorschrift.
An zentralen Stellen sind auch reichlich Bänke auf- gestellt, so dass man die letzten wärmenden Herbstsonnenstrahlen genießen kann. 
So ein ausgedehnter Spaziergang macht ja durstig und hungrig, deshalb besuchen wir danach das Ostseebrauhaus, wo wir glücklicherweise noch einen der letzten freien Tische ergattern können. Dort gibts süffiges selbstgebrautes Bier und zünftiges Essen, alles lecker und preislich erschwinglich. Nachdem wir uns der Völlerei gänzlich hingegeben hatten, spazieren wir noch einmal ein wenig, aber
nur bis zum Ende der Seebrücke, auf der zahlreiche Angler ihre Köder geduldig im Wasser baden und beenden den Tag dann entspannt vor dem Fernseher. Ja, tatsächlich! Auch das kann passieren.
Für den nächsten Tag ist dann etwas körperliche Aktivität angesagt, radfahren bis ins 15 km entfernt liegende Rerik. Räder haben wir aus Hamburg mitgenommen, da hier der europäische Ostseeradwanderweg vorbeiführt, den wollen wir nutzen.
Die ersten Kilometer durch Kühlungsborn lassen sich wunderbar fahren. An der Promenade müssen wir dann noch schnell den Holzmann auf der Bank  fotografieren, neben dem gestern die ganze Zeit eine alte, leicht verlodderte Dame gesessen hatte, die einfach nicht aufstand, so dass gestern kein Foto möglich war. Vielleicht mochte sie den Mann und hätte gern seine Hand gehalten, wer weiß?
Als wir den Campingplatz in Kühlungsborn hinter uns gelassen haben, geht es eigentlich nur noch bergauf, einer kleinen Landstraße folgend, fernab der Ostsee, die man nur gelegentlich erspähen kann. So habe ich mir den europäischen Ostseeradwanderweg nicht vorgestellt. Natürlich gibt es auch noch reichlich Gegenwind, wie sollte es anders sein? Ich bin ja mehr so der Radfahrer fürs windfreie Flachland, so dass der arme Thias sich mein Geschimpfe anhören muss.



Nach einigen mühsamen Kilometern nähert sich der Radweg dann doch der offenen See an. Ein kurzer Seitenblick lässt uns unvermittelt stoppen, da hat sich doch wirklich jemand am Strand voll verausgabt und unendliche Massen an Steintürmchen fabriziert. Einige tatsächlich sogar mannsgroß. Wahnsinn. Offiziell heißen diese Steintürmchen im
deutsch- sprachigen Raum Steinmännchen und waren Weg- markierungen oder sollten vor bösartigen Trollen schützen. Die hätten hier auf jeden Fall keine Chance gehabt.
Auch den Rest des Weges nach Rerik geht es weiterhin bei Gegenwind stetig bergauf. Mir war wirklich nicht bewusst, dass wir in solch hügeliger Gegend unterwegs sind. Manchmal hilft nur noch schieben.
Endlich angekommen hat sich der Himmel bedenklich zugezogen. Egal! Wir gönnen uns ein Fischbrötchen am beschaulichen Hafen am Salzhaff und machen uns dann auf die Suche nach dem Fahrradladen. Unsere Luftpumpe hat sich nämlich zerlegt und meine Fahrradreifen würden sich über ein wenig zusätzliche Luft freuen. Meine Beinmuskulatur auch!
Gesucht. Gefunden. Aufgefüllt. Ein unkomplizierter Laden. Man benutzt den Kompressor und darf dann wieder fahren. Ohne Geld zu bezahlen. Super!
Auf dem Rückweg geht es erstaunlicherweise wirklich nur bergab. Zusätzlich ist der Wind abgeflaut und hat auch nicht gedreht, wie sonst immer in solchen Situationen. Soweit, so gut! Aber natürlich fängt es an zu regnen. Tja, man kann eben nicht alles haben.
Zurück in unserer Ferienwohnung packen wir deshalb spontan unsere Badetasche und verziehen uns ins nahe gelegene Kübomare, einer Wellness- und Freizeitoase. Für 14 Euro pro Person darf man hier drei Stunden saunieren und schwimmen. Bei dem Regen draußen sicher die richtige Wahl.
Für den nächsten Tag haben wir eine Fahrt mit der Molli geplant. Halt! Ich wurde inzwischen eines Besseren belehrt und weiß nun, dass es aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen der Molli heißt, also in dem Falle "mit dem Molli".  Wie auch immer, damit wollen wir nach Bad Doberan fahren und warten am frühen Vormittag am Bahnhof Kühlungsborn Ost auf die Einfahrt desselben. Schon beeindruckend, wenn die Lok so hereinschnauft. Sitzt man dann erst im Wagen, fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt, während die Landschaft an einem vorbeizieht und der Dampf der Lokomotive in dem herbstlich verfärbten Blätterdach der Bäume hängenzubleiben scheint. In den alten Waggons kommt sogar noch ein Schaffner, in diesem Fall eine Schaffnerin, die die Fahrkarten abknipst. Ein wenig fühle ich mich in meine frühe Kindheit zurückversetzt, in der solche Züge noch regelmäßig verkehrten und mich mein Opa stets vom Bahnhof abholte.

In Bad Doberan fährt der Zug dann laut tutend mitten durch die Hauptgeschäftsstraße. Es scheint, als könne man die Hauswände beühren. Auch sehr besonders.
Bad Doberan ist ein hübsches, kleines Städtchen mit teilweise ansprechenden historischen Bauten. Wir bummeln ein Weilchen durchs Städtchen und machen uns dann auf den Weg zum Dobberaner Münster, die im späten 13. Jahrhundert erbaute Kirche des dortigem ehemaligen Zisterzienserklosters. So ganz ohne Besichtigung gehts dann auch wieder nicht.
Von außen schlichte nordische Backsteingotik, beeindruckt vor allem die im Inneren noch intakte reichhaltige Ausstattung und die schöne
Farbgebung. Leider lassen wir uns zu einer Turm- und Gewölbeführung hinreißen. In Wismar hatte eine solche
uns ausnehmend gut gefallen und wir erhoffen uns ähnliches hier. Doch die Hoffnung ist trügerisch!
Ich habe selten einen so monoton vorgetragenen, auswendig gelernten Monolog gehört. Der noch dazu fast zwei Stunden dauert.
Die Kinder in unserer Gruppe hätten einen Orden verdient, sie halten tatsächlich die ganze Zeit durch, allerdings nicht ohne gelegentlich die Augen zu verdrehen. Wobei der gute Mann sich wirklich auskennt, doch auch mir fällt es schwer mich über längere Zeit auf den Inhalt dessen zu konzentrieren, was er erzählt. Insofern sind wir froh, als wir wieder draußen sind und erneut im leichten Nieselregen stehen.
Nach einer Currywurst mit Pommes (ja, manchmal haben wir auch kulinarische Entgleisungen) geht es per Molli zurück bis Heiligendamm, das sich als ausgesprochen überraschend erweist.
Der Bahnhof Heiligen- damm liegt mitten im herbst- lichen Wald und auch nachdem wir ihn verlassen haben, ist außer Wald irgendwie nichts zu sehen. Hmmmh, befremdlich... Hier sollte der G8-Gipfel stattgefunden haben?
Nachdem wir eine Weile dem Waldweg gefolgt sind, erreichen wir einen Parkplatz. Weit und breit nichts, was an einen tatsächlichen Ort erinnert. Lediglich ein Restaurant mit einer nicht mehr vorhandenen Minigolfbahn. Seltsam. Hinter dem Parkplatz dann endlich die Ostsee. Hurra!



Der Blick nach links offenbart uns dann: Es gibt eine Promenade, eine Seebrücke, ein Grand-Hotel  und einige verfallene klassizistische Villen, aus denen bereits kleine Baumschösslinge wachsen.


Wir schlendern die Promenade Richtung Grand-Hotel und fragen uns irritiert, was es mit diesen Villen auf sich hat. Wohnen tut dort auf jeden Fall niemand. Hier scheint eigentlich gar niemand zu wohnen. Außer im Grand-Hotel. Einige der Gäste haben wohl grad Ausgang. Man erkennt sie an ihren Armanianzügen, den gut geknoteten Krawatten, den allgegenwärtigen Smartphones am Ohr und dem smarten Gesichtsausdruck. Sie wirken wie Fremdkörper auf der Seebrücke. Ein illustrer Kreis, was einem an der Pforte des Grand-Hotels auch gleich bewusst gemacht wird. Nicht dass sich jemand aufs Gelände verirrt.
Heiligendamm scheint tatsächlich nur aus diesem Hotel zu bestehen. So gesehen war es natürlich der geeignete Ort für ein Treffen dieser irgendwie außerhalb der normalen Realität agierenden Politiker. Darüber hinaus war er natürlich hervorragend abzuriegeln. Die Zäune sind weg, dafür stehen jetzt andere Barrieren.
Auf dem Rückweg zerbrechen wir uns den Kopf darüber, warum jemand diese wunderschönen Villen dem Verfall überlässt. Im Nachhinein erfahren wir, dass  die in Köln ansässige Fundus Gruppe die Häuser bereits 1993 erworben hatte und diese jetzt verfallen lässt. Die sogenannte Perlenkette von 7 Villen aus dem 19. Jahrhundert hat den 1. und den 2. Weltkrieg und 40 Jahre DDR überlebt. Ob sie eine Gesellschaft von Kapitalanlegern überlebt scheint mehr als fraglich. Seltsame Welt!
Wir flüchten vor dem beginnenden Nieselregen in das einzige Eiscafé an der Promenade. Fragen uns
anfänglich, ob wir uns das überhaupt leisten können, doch die Preise sind moderat.
Nach Eis und Café Latte gehts zurück Richtung Bahnhof. Auf dem Weg stolpern wir sozusagen über wunderschöne Pilze. Also fürs Foto. Nicht für den Kochtopf.
Ein wenig müssen wir noch warten, bis der Molli in den Bahnhof einfährt und uns zurück nach Kühlungsborn bringt. Tja, und dann ist auch dieser Kurzurlaub wieder zu Ende. Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg nach Hamburg, dort wartet der Ofenbauer.











Ferien zu Haus

Wenn ihr euch den Song von I-Fire im Video hier unten anhört, ist es natürlich ganz klar, warum die alle Ferien zu Hause machen. Es fehlt das Geld!


Wie singen sie so schön, die Jungs aus Hamburg-Bergedorf: Heiyoo, die ganze Welt fliegt weg...
Ist was dran, wo auch immer ich mich umhöre, die meisten Leute fliegen oder fahren tatsächlich mindestens einmal im Jahr in den Urlaub. Ich natürlich auch, wobei ich eher so drei- bis viermal fahre und mir gelegentlich schon die Frage anhören muss, ob ich eigentlich 60 Tage Urlaub habe.
Warum aber flüchten wir alle? Ist es zuhaus nicht so schön? Leben wir hier nur in tristem Grau? Oder schauen wir vielleicht nicht so genau hin? Weil alles schon so bekannt ist? Weil alles zum Alltag gehört?
Ich lebe gern hier, wo ich lebe. In Curslack, einem Teil der Vierlanden, die wiederrum zur Millionenmetropole Hamburg gehören. In meine Heimatstadt kommen jährlich hunderttausende von Besuchern, um sie sich anzusehen. So schlimm kanns also hier gar nicht sein.

Wenn ich so drüber nachdenke, ist es eigentlich zu allen Jahreszeiten irgendwie schön. Im Frühling fängt alles an zu blühen, das gefällt so gar unserer Katze.


Auch versteinerte Lebewesen strecken ihr Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen, überall schreit es nach
neuem Leben, manche arbeiten auch ganz aktiv daran...
Frösche kommen aus dem Wasser und sonnen sich auf den Seerosenblättern. Die Natur erwacht, erst langsam, um dann ekstatisch zu explodieren.



Und das Beste von allem, man kann Feuer machen, sogar besonders große, denn es ist Zeit für das Osterfeuer. Diese Feuer haben eine lange Tradition. Schon die alten Ägypter entzündeten große Scheiterhaufen, um die Sonne auf die Erde zu locken und den Winter zu vertreiben. In unserem ländlichen Teil Hamburgs sieht man am Abend des Ostersamstags etliche Feuer auf den Feldern lodern. Nicht immer zur Freude der Hamburger Feuerwehr.

Im Sommer geht die Sonne schon früh über der Elbe auf, die sich durch die Marschlandschaft windet. Manchmal liegen Nebelschwaden über dem Flussbett und verzaubern die Landschaft.

Manchmal macht sich der Fluss auch breiter, als er eigentlich ist.

Setzt alles unter Wasser und zeigt uns einmal mehr, dass Natur nicht beherrschbar ist.

Der Sommer zeigt uns aber auch, in welch frucht- barer Gegend wir leben, überall grünt es, überall summt es, überall wächst etwas. Auch da, wo wir es vielleicht gar nicht wollen. Oftmals machen wir uns nicht bewusst, wie privilegiert wir sind, wie gut es uns geht. 
Sommer ist die Zeit, sich aufs Fahrrad zu setzen und einfach loszuradeln. Man findet immer schöne Orte.

Und wenn man nicht mehr radeln mag, setzt man sich in eine

Beachbar am Hafen, trinkt ein kaltes Bier und lässt den Blick über das Wasser schweifen.

Das schöne am norddeutschen Sommer ist, man kann auch dann Feuer machen, es gibt genug Nächte, die dafür kalt genug sind.

Im Herbst geht die Sonne dann später auf, es wird kühler, die Tage werden kürzer und man verfängt sich in allgegenwärtigen Spinnennetzen.
Überall schießen Pilze aus dem Boden, auch auf unserem Rasen, wo sie eigent- lich gar nichts zu suchen haben.
und natürlich kann man auch im Herbst Feuer machen...

Im Winter präsentiert sich die Elbe dann im eisigen Outfit. Also manchmal zumindest.

 Dann kann man in der Eiseskälte spazieren gehen.

Man kann auch den guten norddeutschen Eiswein ernten.
Oder in den Hamburger Hafen fahren, um den Fortschritt an besonders steuergeförderten Bauprojekten zu überprüfen. 


Mit Blick auf die Rickmer Rickmers einen Glühwein trinken...

oder einfach eine Rundfahrt durch den Hafen machen, um sich anzusehen wie schön unsere Stadt doch ist. 

Im Winter kann man natürlich besonders gut Feuer machen und weil es so kalt ist, hat man gleich noch einen Grund einen Glühwein oder einen Eierpunsch mehr zu trinken.
Es ist durchaus schön hier, das ist mir schon klar.  Und wie heißt es im Lied von I-fire: ...ich liebe diese Stadt, drum ist das alles gar nicht tragisch... 
Warum fahre ich dann trotzdem immer wieder weg? 
Das hat drei Gründe:
Erstens ist grau nicht meine Lieblingsfarbe. Denn obwohl meine Fotos ein strahlendes Hamburg zeigen, gibt es hier durchschnittlich 133 Regentage pro Jahr. Und auch an den Tagen, an denen es nicht regnet, ist nicht automatisch blauer Himmel. Ich bin ein Sonnenkind und habe es gerne warm.
Zweitens bin ich ein absolut neugieriger Mensch und muss immer wissen, was hinter der nächsten Ecke ist. Das erfahre ich nicht, wenn ich hier bleibe.
Drittens bin ich irgendwie unfähig meinen Alltag abzustellen, wenn ich zu Hause bleibe. So ist jeder Urlaub auch immer eine Flucht aus dem Alltag.
Aber...
Es kommt drauf an was man draus macht. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.
Und hier noch einmal Originalton I-Fire:
...Scheiß drauf, man sieht sich im Freibad für 1,70...