Kosi Bay - ein Paradies

Wir waren auch im Jahr 2017 in Südafrika und mehrere Tage in einem kleinen Guesthouse in St. Lucia. Die beiden entzückend hilfsbereiten Damen, die dieses Gästehaus führen, erzählten uns, dass sie noch eine weitere Unterkunft eröffnen wollten, und zwar in Kosi Bay. Und dann schwärmten sie davon, wie paradiesisch es dort wäre, wie unberührt und so ganz anders, als alles was wir bisher gesehen hätten. Tja, was blieb uns anderes übrig als uns das in diesem Jahr mal anzusehen.
Und was soll ich sagen? Es ist einfach großartig!
Der äußerste Nordosten KwaZulu-Natals von der mosambikanischen Grenze bis nach Sodwana Bay ist wirklich noch eine recht ursprüngliche Region Südafrikas. Die Küstenregion gehört zum Isimangaliso Wetlandpark und Kosi Bay ist ein Teil davon.  Vier Seen sind hier über eine Reihe von natürlichen Kanälen miteinander verbunden, es gibt ein sandiges Mündungsbecken, das alles auch noch mit dem indischen Ozean verbindet. Man findet dort Palmen- und Mangrovenwälder, Papyrus und Feigenbäume, die Vegetation ist wunderbar exotisch. Im Wasser sollen sich Flusspferde, Krokodile und auch Zambesi-Haie tummeln, aber auch jede Menge andere bunte Meerestiere. Das wollen wir uns natürlich ansehen und deshalb verbringen wir zwei Tage in der Kingfisher Bush Lodge.
Von hier aus ist es nicht weit bis zum Eingang des Nationalparks und nach einer kurzen Badepause im Pool machen wir uns auf, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Für alle, die ohne Allrad unterwegs sind, sei gesagt, dass hier mit der Fortbewegung durchaus Probleme auftreten könnten. Unser Ford Ranger bringt uns zuverlässig zum Parkeingang und tatsächlich dürfen wir auch ohne Ticket für 30 Minuten schauen gehen.
Just hundret meters, sagt die junge Dame an der Rezeption, ein bißchen weiter ist es dann schon, aber fünf Minuten später stehen wir am kristallklaren Wasser. Traumhaft! Wir beschließen, dass wir morgen einen Bootsausflug machen werden.
Den Abend verbringen wir in der Lodge, wo zum Dinner der Grill angeschmissen wird. So sitzen wir lecker schmausend in der Dämmerung und genießen die Stille. Naja, richtig still ist es nicht, es gibt jede Menge Grillen und andere kleine Lebewesen, die durchaus in der Lage sind Krach für mindestens doppelt so große Tiere zu machen.
Am nächsten Morgen werden wir nach dem Frühstück abgeholt und zum Strand gebracht, übrigens mit einem Fahrzeug ohne Allrad. Das geht tatsächlich auch, allerdings muss man die Strecke wohl sehr gut kennen und eine dementsprechende Fahrweise haben. Kurze Zeit später sitzen wir auf unseren Plastikstühlen an Bord und werden über den ersten See geschippert. In der Ferne können wir die ersten traditionellen Fish Kraals der Thongas erkennen. Ihr wisst nicht was das ist? Als Kraal bezeichnet man normalerweise einen Viehpferch, doch ein Fischkraal ist eher eine Art Reuse, aber deutlich größer. Aus Ästen wird ein Kanal gebaut, an dessen Ende sich ein Korb mit einem ventilartigem Eingang befindet. Hier können die Fische hinein, aber nicht mehr hinaus schwimmen. Die Strömung spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese nachhaltige Methode wird hier schon seit hunderten von Jahren genutzt. Kleinere Fische werden wieder ins Meer entlassen, die größeren auf einen Speer gespießt.
Die Kanäle, die die einzelnen Seen verbinden, geben uns das Gefühl irgendwo in der Karibik unterwegs zu sein. Kristallklares Wasser, Palmen, Mangroven und eine spektakuläre Vogelwelt säumen die Ufer. Hier lass ich einfach mal die Bilder sprechen:
Tatsächlich gehört zu unserem Ausflug auch noch ein Schnorchelabenteuer. Man kann nämlich in diesen Seen auch wunderbar schnorcheln. Allerdings nur, wenn man weiß wo sich die Hippos und die Krokodile gerade aufhalten. Die hatten wir nämlich kurz zuvor im Wasser entdeckt. Also die Hippos.
Unser Kapitän weiß das natürlich und sondiert noch einmal ordentlich das Gelände, bevor er uns zu Wasser lässt. Zuvor hat er das Boot so am Ufer positioniert, dass es auch für uns nicht mehr ganz so jungen Leuten möglich ist, entspannt in die Fluten hinein und auch wieder herauszukommen. Das Wasser ist wunderbar warm, kristallklar und zum schnorcheln einfach großartig. Obwohl so ein leicht mulmiges Gefühl bleibt, denn wer weiß schon, ob die Krokodile und Hippos auch wissen, dass sie hier nichts zu suchen haben.
Nachdem wir eine Weile geschnorchelt haben, klettern wir wieder ins Boot, ziehen uns um und machen uns auf den Rückweg. So einen Bootsausflug kann ich wirklich nur empfehlen, denn nirgendwo bekommt man einen so guten Einblick in die Lebensweisen und diese Region, wie vom Wasser aus. An den Ufern wird noch traditionell das Ried geerntet, man sieht farbenfroh gekleidete Frauen Garben daraus binden, Fischer sind im Wasser unterwegs, um ihre Reusen zu leeren. Es gibt ein kleines Floss, das als Fähre dient, um die Kanäle überqueren zu können und kleine Felder, auf denen Gemüse wächst, in den Buchten liegen traditionelle Boote, die aus langen Ästen zusammengebunden sind. Alles wirkt auf uns irgendwie pittoresk, spiegelt aber doch nur wieder, wie die Menschen in dieser Gegend leben.
Am Himmel sind inzwischen etliche Wolken erschienen, der Wind hat aufgefrischt, als wir erneut an unserem Steg im Nationalpark anlegen. Nachdem das Boot gut vertäut ist, klettern wir wieder ins Auto, um uns zurück in unsere Lodge fahren zu lassen. Wir haben nur einen kleinen Einblick in diese Region erhalten, sind uns aber sicher, dass man hier auch einen längeren Aufenthalt haben kann. Also, Kosi Bay, vielleicht bis zum nächsten Mal.

(Werbung, da Ortsnennung, Lodge- und Automarkennennung)


Der Sani-Pass von Südafrika nach Lesotho - ein letztes Abenteuer

Unser Südafrikaurlaub ist inzwischen auch schon wieder Geschichte. Vier Wochen haben wir in unserem Lieblingsland verbracht, viele Orte zum zweiten oder dritten Mal besucht, viele Sachen das zweite oder dritte Mal gemacht. Wiederholungen vertiefen den Eindruck, Orte sind nicht immer gleich, Dinge ändern sich. Manches ist schöner, manches weniger schön, als beim letzten Mal, aber auf jeden Fall nie gleich.
Aber natürlich haben wir auch Neues in unsere Reiseroute eingebaut und davon will ich euch heute berichten. Wir haben im letzten Winter viel über den Sani-Pass gelesen. Das ist eine Passstraße, die den Osten Lesothos mit Südafrikas Provinz KwaZulu-Natal verbindet. Die einzige Passstraße übrigens. Und die führt hinauf in die Drakensberge auf eine Höhe von 2873 Meter über den Meeresspiegel. Unendliche viele Serpentinen warten dort auf den Reisenden, die letzten 1330 Höhenmeter werden auf einer Länge von 6,5 km mittels zahlreicher haarstäubender Haarnadelkurven überwunden. Damit ist der Pass der drittsteilste der Welt. Und natürlich ist er nicht asphaltiert, obwohl die Südafrikaner da tatsächlich zur Zeit dran arbeiten. Ohne Allradantrieb darf der Pass nicht befahren werden und das hat seine guten Gründe. Erst haben wir überlegt das Abenteuer organisiert anzugehen, aber nach Abwägen des Für und Wider haben wir uns dagegen entschieden. Wir hatten einfach keine Lust eng aneinandergepresst und schwitzend in einem Fahrzeug durchgeschüttelt zu werden, noch dazu ohne die Entscheidungsmöglichkeit an den Stellen zu halten, um zu fotografieren oder was auch immer, an denen wir das für richtig halten. Also haben wir für diesen Urlaub das erste Mal ein Allradfahrzeug gemietet. So eins, bei denen ich in Deutschland immer denke, wofür braucht man das hier? Für unsere Südafrikareise war es aber goldrichtig.
Auf dem Weg zu unserer Unterkunft in Underberg bekommen wir reichlich Regen ab. Für Südafrika toll, für Urlauber eher weniger und für das Befahren des Sanipasses schon mal gar nicht. Doch während wir in unserer schottisch anmutenden Unterkunft, der Umzimkulu River Lodge,  Nachmittags die Umgebung erkunden, reißt der Himmel auf, die Sonne lugt hinter den Wolken hervor und wir können die Regenjacken wieder beiseite legen.
Der Frühling hält hier gerade Einzug, überall grünt und blüht es, die männlichen Webervögel bauen eifrig an ihren Nestern, immer in der Hoffnung, dass ihre kunstvollen Bauten vor den Augen der Damen Gnade finden und nicht gleich wieder zerstört werden. Während unseres Spazierganges haben wir einen treuen Begleiter, der zur Lodge gehörige Hund, Pims, ist uns stets ein wenig voraus, als wolle er uns die schönsten Stellen des Grundstückes persönlich vorstellen. Die Katze der Lodge - Cleo ist ihr Name - ist dagegen selten draußen zu sehen. Sie hält sich bevorzugt in der Bar auf, entweder gleich direkt auf dem Tresen oder anmutig auf einem der Barhocker.
Die Lodge kann ich übrigens uneingeschränkt empfehlen, wir haben uns während unseres Aufenthaltes dort wirklich sehr wohl gefühlt.
Doch ich schweife ab. Wir waren beim Wetter, das sich grad deutlich gebessert hat. Und auch die Wettervorhersage für den nächsten Tag ist ausgezeichnet. Es soll ein klarer, sonniger Tag werden, also steht unserem Ausflug nach Lesotho nichts im Wege.
Um neun Uhr geht es los. Von Underberg führt die Strecke nach Himeville - übrigens ein sehr pittoresk wirkendes Städtchen - und hier befindet man sich bereits auf einer Höhe von 1500 Metern über dem Meeresspiegel. Die Bergkette der Drakensberge sticht ihre zackigen Gipfel in den blauen Himmel, die Luft ist klar und frisch. Kurze Zeit später ist Schluss mit Asphalt, die Holperstrecke beginnt. Allerdings führt sie uns erst einmal durch diverse Baustellen. Immer wieder müssen wir auf der schmalen Fahrbahn Baufahrzeugen ausweichen, stehen vor einem Stopschild oder müssen warten bis die Lastwagen ihren Sand abgekippt haben. Es tut sich was am Sanipass, Südafrika ist dabei diesen Pass zu asphaltieren, vielleicht ist das Abenteuer Sanipass in den kommenden Jahren gar kein Abenteuer mehr. Gut dass wir jetzt unterwegs sind. Allerdings gehen Kritiker davon aus, dass diese Arbeit frühestens 2026 oder auch gar nicht beendet werden wird. Was für die Anbindung Lesothos sicher nicht schön ist, für das Abenteuerfeeling aber schon.
Langsam schrauben wir uns höher, unser Ford Ranger tut zuverlässig das, was man von ihm erwartet. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, noch haben wir aber auch kein Allradantrieb zugeschaltet. Bis zur südafrikanischen Grenzstation auf 1900 Metern ist das auch nicht nötig. Hier muss man sein Auto verlassen, den Pass für das obligatorische Gestempel bereithalten und schon geht es weiter. Dann steht auch schon die erste Wasserdurchfahrt an. Nichts spektakuläres, nur das Regenwasser des gestrigen Tages, das sich in einer Senke gesammelt hat. Aber durchaus eine neue Erfahrung.
Die Ausblicke sind sensationell, das Geschüttel auch. Die Strecke ist schmal und steinig, an einigen Stellen ziemlich steil und schließlich ist der Zeitpunkt gekommen den Allradantrieb dazuzuschalten. Hach, was für eine Erleichterung. Der Wagen scheint sich fast selbständig stetig und langsam bergan zu schrauben. Wir nutzen fast jede Ausweichstelle um anzuhalten und den gigantischen Ausblick zu genießen. Unfassbar, dass wir soviel Glück mit dem Wetter haben. Übrigens haben wir unterwegs auch einige Wanderer überholt, die den Pass zu Fuß bewältigen wollen. Sicher auch kein Spaziergang, da lasse ich mich doch lieber durchschütteln.
Bevor man die Passhöhe erreicht, hat man die engsten Kehren mit den schwierigsten Steigungen vor sich. Hier muss außerdem der Gegenverkehr abgewartet werden, zwei Fahrzeuge nebeneinander sind in den Kehren gar nicht möglich, manchmal muss sogar zurückgesetzt werden, um die Wendung zu bewältigen. Zeit das Auge schweifen zu lassen und den anderen Fahrzeugen zuzusehen.
Nach knappen drei Stunden ist es dann aber geschafft! Wir sind oben! Auf 2873 Metern erwartet uns das Passschild und Lesothos Grenzübergang.
Die Grenzformalitäten sind schnell erledigt, noch dazu mit freundlichem Lächeln, das sind wir so gar nicht mehr gewohnt. Zeit den höchsten Pub Afrikas zu besuchen. Das Wetter ist so großartig, dass wir unseren "Gluhwein" sogar auf der Terrasse des Pubs trinken können. Eigentlich ist es fast zu warm für einen Glühwein, aber so ein Getränk auf 2873 Metern mitten in Afrika, das hat schon was. Untermalt wird das ganze von einer musikalischen Einlage einiger junger Basothos - so heißen die Einwohner Lesothos - die sich richtig ins Zeug legen. Eingehüllt in Decken, allesamt in Gummistiefeln überzeugen sie sogar ihren Hund davon mitzumachen.
Lesotho ist ein sehr armes Land. Aber auch ein Königreich. Eine parlamentarische Monarchie nämlich. Die meisten Menschen arbeiten unter einfachsten Bedingungen in der Landwirtschaft, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Aidsrate ebenfalls. Alle Einwohner, die wir sehen, sind in eine Decke gehüllt und ihre Füße stecken in Gummistiefeln. Die Decke ist wohl so etwas wie ein Statussymbol, bei den hier häufig herrschenden Temperaturen aber darüber hinaus sicher auch eine Notwendigkeit. Warum aber die Gummistiefel? Ich kann mich aus meiner Kindheit nur an eisekalte Füße in Gummistiefeln erinnern. Der Wärmefaktor scheint also nicht der ausschlaggebende Faktor für ihre Benutzung zu sein. Vielleicht gibt es eine großartige Gummistiefelfabrik in Lesotho? Oder das Königshaus hat den Anspruch seine Bewohner mit Schuhen auszustatten? Und hat Gummistiefel gewählt? Ich weiß es einfach nicht.

Wir erkunden noch ein wenig die Umgebung. Die Menschen hier leben unter einfachsten Bedingungen in der kargen Umgebung. Irritiert sind wir deshalb über die Straßenverhältnisse hier oben in Lesotho. Eine wunderbar asphaltierte Straße schraubt sich noch höher in das Gebirge. Warum ist die hier? So viele Autos scheint es in Lesotho gar nicht zu geben. Irgendwann werde ich das nachlesen müssen.
Es wird Zeit wieder runter zu fahren. Eigentlich hatten wir hier oben eine Übernachtung gebucht, aber aufgrund eines Zwischenfalls musste die Lodge leider alle Reservierungen canceln. So bleibt uns keine Zeit, um mehr Eindrücke zu sammeln. Da müssen wir wohl noch einmal wiederkommen.
Bergab ist, obwohl kaum möglich, noch anstrengender als bergauf. Zwei Begegnungen werden mir dabei in Erinnerung bleiben. Ein vollbesetzter Toyota Kleinbus - sicher ganz ohne Allradantrieb und auch ohne Bodenfreiheit - kommt uns an einer steilen Strecke entgegen, muss wohl seinen Schwung ausnutzen und hält somit nicht an der Kehre, die tatsächlich Ausweichmöglichkeiten geboten hätte, sondern versucht irgendwie an uns vorbeizukommen. Was nicht klappt. Zentimeterweise schieben wir uns schließlich aneinander vorbei, während aus den offenen Fenstern des Busses lautstarke Musik die Bergwelt beschallt. Manchmal bestimmen die wirtschaftlichen Verhältnisse die Fahrzeugklassen. Und es muss halt irgendwie gehen. Apropos gehen. Das ist die zweite Begegnung. Ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht, in die obligatorische Decke gehüllt und mit Gummistiefeln an den Füßen stapft uns entgegen die steile Strecke hinauf. Er hat Feuerholz gesammelt, das trägt er in den Armen hinauf nach Lesotho. Dort oben über der Baumgrenze gibt es kein Holz. Seine gesammelten Stöcke ragen soweit in die Straße, dass wir anhalten müssen, damit wir nicht dagegen stoßen. Was für ein mühsames Leben. Wir wissen oftmals nicht zu schätzen, wie priviligiert wir sind.
Endlich wieder auf der Asphaltstraße angekommen, stellen wir fest, dass sich der Himmel wieder zugezogen hat. Die Gipfel der Drakensberge sind inzwischen wolkenverhangen. Was haben wir doch für Glück gehabt!

(Werbung wegen Orts-, Hotel,- und Automarkennennung)


Eine Reise nach Polen - Darłowo und Łeba - oder Landstraßen, Baustellen und Jahrmarktstrandkultur

Jetzt habe ich hier so lange keinen Reisebericht mehr geschrieben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich das noch kann. Es wird Zeit es wieder einmal zu versuchen.
Meist fahre ich mit einer bestimmten Vorstellung von einem Reiseland in den Urlaub. Die Vorstellung resultiert aus vorherigen Reiseerfahrungen, Reiseführern über das Land, Berichten, die ich irgendwo mal gelesen oder gesehen habe, Unterhaltungen mit Menschen, die aus diesem Land kommen oder auch aus Fotos und Filmbeiträgen. In der Regel ist meine Vorstellung nicht so furchtbar weit von der Realität entfernt. Manchmal liege ich aber auch völlig daneben.
In diesem Sommer haben wir zwei Wochen lang die polnische Ostseeküste und Masuren bereist. Ist ja gar nicht so weit weg, habe ich gedacht. Ein Nachbarland, sozusagen um die Ecke... Tja, weit gefehlt!
Danzig
Entfernungen sind in Polen nicht das was bei uns Entfernungen sind. Jedenfalls nicht wenn man mit dem Auto fährt. Als Fußgänger mag das vergleichbar sein...
Für die ersten knapp 400 Kilometer bis zur polnischen Grenze benötigen wir in der Frühe nur etwas über drei Stunden Fahrzeit. Dann aber erwarten uns polnische Landstraßen, in unterschiedlichsten Erhaltungsstadien, die durch jedes noch so kleine Kuhdorf führen, das sich auf dem Wege finden lässt und darüber hinaus mit Baustellen gespickt sind, wie ich sie bisher nur aus Südafrikaurlauben kannte. Eine sehr besondere und etwas lähmende Erfahrung, wenn eine Spur abwechselnd mit dem Gegenverkehr geteilt wird. Wartezeiten von einer halben Stunde sind da nichts ungewöhnliches, so dass wir für die verbleibenden 200 polnischen Kilometer bis Darłowo (dt. Rügenwalde) dann auch nochmal 5 Stunden brauchen. Wer mich und meine Ungeduld kennt, kann sich vorstellen wie begeistert ich grade von den vielen Baustellen war. Mein Verständnis für den Ausbau der polnischen Infrastruktur ist zu diesem Zeitpunkt eher zurückhaltend bis nicht vorhanden, auch wenn ich jetzt im Nachhinein nachvollziehen kann, dass die antiquierten Straßenverhältnisse an das jetzige Verkehrsaufkommen angepasst werden müssen. Doch so quählen wir uns hinter stinkenden Lastwagen mit Tempo 40 durch die Dörfer und ich fühle mich um Jahrzehnte zurückgeworfen in die Zeit meiner Kindheit...
Irgendwann am Nachmittag kommen wir aber schließlich an, beziehen unser Zimmer und machen uns mit den Fahrrädern auf den Weg zum Strand. Natürlich auch mit einer bestimmten Vorstellung im Kopf. Um dann kurze Zeit später mit den Rädern in einer Menschenmenge auf einer Art Jahrmarkt zu stehen. Was ist das?
Plüschtiere am Strand von Darłowo
Tatsächlich entpuppt es sich als Strandpromenade, die mit Buden voller Plüschtieren, Fahrgeschäften in kreischenden Farben und jeder Menge Fress - und Saufbuden dem Strand vorgelagert ist. Ob das hier der Norm entspricht? Hoffentlich nicht! Wir fühlen uns etwas befremdlich, als wir uns zwischen den vielen bunten Windschutzgestellen im wirklich feinen, weißen Sand niederlassen, um noch eine mitgebrachte Kleinigkeit zu essen. Sehen dem Strandleben noch eine Weile zu, bevor wir uns auf den Rückweg machen.
Und dabei über die nächste polnische Besonderheit stolpern. Ich will sie mal Ausflugskogge nennen. So ein Gefährt, augenscheinlich einer Hansekogge nachempfunden, dümpelt nämlich mit lauter musikalischer Beschallung an uns vorbei Richtung Hafeneinfahrt. Ob das Herrn Störtebeker oder einem etwaigen polnischem Pendant gefallen hätte? Ich bin mir nicht sicher.
Darłowo ist nur als Zwischenstop gedacht auf dem Weg zum slowinzischen Nationalpark mit seinen Wanderdünen. Und das ist auch gut so, denn allzuviel hat der Ort nicht zu bieten. Es gibt allerdings ein Schloss, das als solches nicht unbedingt zu erkennen, aber der Geburtsort von Erik dem Wikinger sein soll. Kennt ihr nicht? Der hat für einen kurzen Zeitraum die Geschicke der Dänen, Schweden und Norweger als König gelenkt, bevor er von den dortigen Reichsräten abgesetzt und verjagt wurde, um fortan lieber als Pirat die Handelsschiffe auszurauben. Irgendwo soll er wie jeder Pirat, der was auf sich hält, natürlich auch einen Schatz versteckt haben, allerdings wurde auch der - natürlich - bisher nicht gefunden. Das Schloss hat am späten Nachmittag nicht mehr geöffnet, also keine Möglichkeit mehr nachzuprüfen, ob sich dort noch irgendwo ein Schatz befindet.
Schloss von Darłowo
Nachdem wir erkundet haben, was es hier zu erkunden gibt, lassen wir uns am Wasser nieder bei leckerem Essen und polnischem Bier. Das ist übrigens absolut süffig und außerdem in den unterschiedlichsten Geschmacksvarianten zu bekommen. Und versöhnt uns ein wenig mit den polnischen Straßenverhältnissen und der seltsamen Strandkultur.
Um unser nächstes Ziel -  Łeba - zu erreichen, haben wir uns eine Alternativstrecke rausgesucht, natürlich auch alles Landstraßen, aber solche, die kleiner und deshalb weniger befahren sind. Löcher haben die zwar auch und zwar gar nicht mal so wenig, aber man kann diese häufig ganz alleine genießen. Erstaunlich, dass unsere Fahrräder auf ihrem Träger diese Schaukelei so unbeschadet überstehen.
Unterwegs machen wir einen Abstecher ins Freilichtmuseum Slowinzisches Dorf, das man in Kluki finden kann, einem verschlafenem Weiler mit vielleicht 300 Einwohnern. Eine alte Dame in oranger Warnweste winkt uns auf ihr Grundstück und bietet uns einen Parkplatz an, den Preis dafür zählt sie mit ihren Fingern ab, 5 Zloty sollen wir zahlen. Offizielle Parkplätze gibt es nicht und die wenigen Menschen hier verdienen sich damit etwas dazu.
Das Freilichtmuseum liegt auf beiden Seiten der kopfsteingepflasterten Dorfstraße verträumt in der Sonne, eingerahmt von einem alten Holzzaun. In den mit bunten Blumen geschmückten Gärten summen die Bienen, eine in Tracht gekleidete Frau sitzt mit einem Akkordeon vor einem der Fachwerkhäuser und spielt alte Weisen, Fischernetze sind zum Trocknen aufgehängt, an einer Stallwand stehen gebundene Garben im Schatten und der Duft von Getreidekaffee steigt uns aus einer offenen Tür in die Nase. Wir dürfen probieren und sitzen eine Weile auf einer Holzbank in der Sonne, neben uns trocknen die Torfballen fürs Feuer. Hach, wie beschaulich! So hatte ich mir Polen vorgestellt und sicher habt ihr Recht, wenn ihr jetzt denkt: wie naiv... Aber hier ist es einfach schön. So friedlich!
Es sind nur wenige Besucher hier, die meisten davon sind Polen oder haben auf jeden Fall einen polnischen Hintergrund. Damit haben sie den Vorteil, dass sie die Informationstafeln lesen können, die leider ausschließlich auf polnisch sind. Wir können das nicht und holen uns die Infos aus unserem Reiseführer. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs lebten in dieser Gegend die Slowinzen, deren Alltagskultur hier in den restaurierten Höfen dargestellt wird. Wegen ihrer deutsch klingenden Nachnamen flüchteten viele von ihnen aus Furcht vor russischer Vergeltung.
In den kleinen Räumen, durch die wir streifen, gibt es für mich viel Vertrautes. Möbelstücke, Bilder, Haushaltsgegenstände erinnern mich an die Einrichtung meiner Großmutter, tickende Uhren und gehäkelte Möbeldeckchen lassen verschüttete Erinnerungen aufsteigen. Ein aus der Zeit gefallener Ort, dessen Besuch ich auf jeden Fall empfehlen kann.
Łeba entpuppt sich als Ostseetouristenort mit dem typischen Jahrmarktstrandleben, das so gar nicht unser ist. Wir sind froh, dass unsere Unterkunft ein wenig außerhalb am Yachthafen liegt, denn dort ist es vergleichsweise ruhig. Den ersten Abend nutzen wir, um uns mit einem Glas Rotwein den Sonnenuntergang von einer Ostseedüne aus anzusehen. Das ist übrigens nicht erlaubt - also das mit dem Alkohol am Strand, allerdings scheint sich hier niemand dran zu halten, wir auch nicht.
Der Hauptgrund unseres Aufenthaltes hier ist aber der slowinzische Nationalpark mit seinen Wanderdünen. Dorthin machen wir uns am nächsten Morgen mit unseren Fahrrädern auf den Weg. Knappe 8 km radeln wir durch Kiefern - und Mischwald, links von uns blitzt gelegentlich das Wasser des Jezioro Łebsko durch die Bäume, ab und zu überholt uns ein vollbesetztes Elektrofahrzeug, das die Touristen aus  Łeba an den Fuß der Dünen bringt. Sechs Quadratkilometer groß soll das Dünengebiet inzwischen sein, die Dünen bis zu 40 Meter hoch und wandern tun sie bis zu 10 Meter pro Jahr. Wir sind schon ganz gespannt, als wir unsere Fahrräder am anschließen.
Steil gehts bergauf, das Laufen im feinen, weißen Sand ist ganz schön anstrengend. Oben angekommen kann man erst ermessen welch großes Gebiet diese Sanddünen bereits erobert haben. In weiter Entfernung stehen wie an einem Skihang Gruppen junger Leute, die sich gern mal in die Tiefe hinabtrudeln lassen.
Baumwipfel ragen aus dem Sandmeer wie mahnende Finger, manche mit, manche ohne Blätter. Unten im Wald stehen kleine Wassertümpel, die ein oder andere Mücke verirrt sich auch gerne mal hier hinauf, um die Besucher zu piesacken.
Über die Dünen gelangt man irgendwann an den wunderbaren Ostseestrand, allerdings sollte man die Strecke nicht unterschätzen, man ist schon eine Weile unterwegs. Wir haben Badesachen mitgebracht und machen eine ausgiebige Badepause. Etwas zu trinken oder etwas essbares sollte man auch selber mitbringen, hier im Nationalpark gibt es glücklicherweise keinen Jahrmarkt am Strand und dementsprechend auch keine Getränke oder Speisen. Dafür weißen Sand, Wellen und kühles Ostseewasser. Ein Ausflug, der sich lohnt.
Auf dem Rückweg durch den Wald besuchen wir noch eine Art Raketenabschuss-Freilichtmuseum. Allerdings überzeugt uns diese Ausstellung überhaupt nicht. Alle Informationen sind lediglich auf polnisch und irgendwie wahllos wurden dort  Raketen aus unterschiedlichsten Perioden ausgestellt. Manche rosten mehr oder weniger vor sich hin. Außerdem gibt es noch einen Aussichtsturm, dem die Aussicht fehlt und Militärfahrzeuge, die nichts mit Raketen zu tun haben. Und eine Menge Menschen, die jede Art von Waffen begeisternd finden. Wir suchen auf jeden Fall schnell wieder das Weite.
Den Abend verbringen wir dann im Yachthafen, essen etwas leckeres, während das unvermeidliche Piratenkoggenschiff in der Ferne vorbeidümpelt und mit seinen Bässen ganz Łeba beschallt. Oben im Mast tanzt ein Selbstdarsteller mit freiem Oberkörper - übrigens scheinen Polens Männer gerne ihren Oberkörper zu zeigen, und zwar unabhängig vom Bauchumfang - und feuert seine Mitreisenden an es ihm gleichzutun. Und ich wünsche mich kurzfristig in den Frieden des slowinzischen Freilichtmuseums zurück. Wo die Störche klappern, die Bienen summen und das ganze lediglich von Akkordeonklängen untermalt wird. Morgen gehts dann weiter Richtung Danzig. Mal sehen wie Polens größere Städte so sind.





Tembe besuchen ist wie nach Hause kommen

Alles was zu sagen ist, wird in diesem Video gesagt...


Eigentlich könnte ich gleich wieder los...